Die Bewertung eines Maschinenbauunternehmens gleicht oft der Konstruktion einer komplexen Anlage: Es gibt sichtbare Komponenten wie den Maschinenpark und unsichtbare Werte wie das Ingenieur-Know-how, die erst im Zusammenspiel den wahren Nutzen ergeben. Ob für eine Nachfolgeregelung, einen Verkauf an Investoren oder eine Fusion – der reine Blick in die Bilanz reicht in dieser kapitalintensiven Branche selten aus, um einen marktgerechten Preis zu ermitteln. Eigentümer und Käufer stehen vor der Herausforderung, Substanz und Zukunftspotenzial auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.
Das Wichtigste in Kürze
- Verfahrensmix entscheidet: Der Wert resultiert meist aus einer Kombination von Ertragskraft (EBIT-Multiples) und der vorhandenen Substanz (Maschinenpark, Lagerbestände).
- Geschäftsmodell als Hebel: Serienfertiger erzielen oft höhere Bewertungen als der klassische Sondermaschinenbau, da wiederkehrende Umsätze als risikoärmer gelten.
- Bereinigung ist Pflicht: Vor der Anwendung von Multiplikatoren müssen Einmaleffekte und kalkulatorische Unternehmerlöhne aus dem operativen Ergebnis herausgerechnet werden.
Warum Maschinenbauunternehmen anders bewertet werden
Im Gegensatz zu reinen Dienstleistern oder Softwarefirmen ist der Maschinenbau durch eine hohe Kapitalbindung geprägt. In den Hallen stehen oft teure CNC-Bearbeitungszentren, Laseranlagen oder Roboterstraßen, die einen erheblichen Substanzwert darstellen, aber auch laufende Reinvestitionen erfordern. Gleichzeitig unterliegt die Branche starken zyklischen Schwankungen, was die Prognose zukünftiger Zahlungsströme (Cashflows) erschwert. Ein gut gefülltes Auftragsbuch heute garantiert keine Auslastung in zwei Jahren, wenn sich die weltwirtschaftliche Investitionsneigung abkühlt.
Ein weiteres Spezifikum ist die Abhängigkeit von technologischem Spezialwissen. Der Wert eines Unternehmens im Sondermaschinenbau liegt oft weniger in den physischen Assets, sondern in den Köpfen der Konstrukteure und den patentierten Lösungen für Nischenprobleme. Bewerter müssen daher differenzieren: Handelt es sich um einen Lohnfertiger, der leicht austauschbar ist, oder um einen Technologieanbieter mit einem sogenannten „Burggraben“ (Markteintrittsbarriere für Wettbewerber)? Diese strategische Positionierung beeinflusst den finalen Unternehmenswert oft stärker als der reine Buchwert des Anlagevermögens.
Welche Bewertungsmethoden in der Praxis dominieren
Um sich dem fairen Marktwert zu nähern, nutzen Experten selten nur einen einzigen Rechenweg, sondern validieren Ergebnisse durch verschiedene Verfahren. In der M&A-Praxis (Mergers & Acquisitions) haben sich bestimmte Standards etabliert, die je nach Unternehmensgröße und Datenlage gewichtet werden. Diese Methoden bilden das logische Gerüst jeder Verhandlung.
Die folgenden Ansätze kommen im Maschinenbau am häufigsten zum Einsatz:
- Multiplikator-Verfahren (Market Approach): Hierbei wird das bereinigte Betriebsergebnis (EBIT oder EBITDA) mit einem branchenüblichen Faktor multipliziert. Dies ist der gängigste Weg für eine erste Preisindikation.
- Discounted Cash Flow (DCF): Dieses Verfahren diskontiert künftige Zahlungsüberschüsse auf den heutigen Tag. Es ist präzise, aber stark abhängig von der Qualität der Zukunftsplanung.
- Substanzwertverfahren: Hier wird ermittelt, was die Rekonstruktion des Unternehmens kosten würde (Summe aller Vermögenswerte minus Schulden). Im Maschinenbau dient dieser Wert oft als absolute Untergrenze (Liquidationswert).
Wie das Multiplikator-Verfahren das Preisschild formt
Das Multiplikator-Verfahren ist in der Praxis oft das entscheidende Instrument, da es den direkten Vergleich mit ähnlichen Transaktionen am Markt ermöglicht. Dabei wird eine Kennzahl, meist das bereinigte EBIT (Ergebnis vor Zinsen und Steuern), mit einem Faktor vervielfacht, der die aktuelle Marktstimmung widerspiegelt. Für kleine und mittlere Maschinenbauer liegen diese Faktoren oft niedriger als für große Industriekonzerne, da das Risiko bei kleineren Einheiten höher eingeschätzt wird (sogenannter „Size Discount“).
Der konkrete Faktor hängt massiv vom Risikoprofil des Geschäftsmodells ab. Ein Unternehmen mit hohem Anteil an Service- und Ersatzteilgeschäft (wiederkehrende Umsätze) erzielt deutlich höhere Multiplikatoren als ein reiner Projektfertiger im Sondermaschinenbau. Der Grund ist simpel: Projektgeschäft ist volatil und jeder Umsatz muss neu erkämpft werden, während Serviceverträge planbare Cashflows liefern. Wer den Unternehmenswert steigern will, arbeitet daher oft gezielt am Ausbau des After-Sales-Bereichs, bevor er in den Verkaufsprozess geht.
Die Bilanz bereinigen: Vom Buchwert zur Realität
Bevor ein Multiplikator angewendet werden kann, müssen die Finanzkennzahlen „normalisiert“ werden, um die echte Ertragskraft zu zeigen. In vielen mittelständischen Maschinenbaufirmen ist der ausgewiesene Gewinn durch steuerliche Optimierung verzerrt. Typische Beispiele sind Geschäftsführergehälter, die nicht einem Fremdvergleich standhalten (zu hoch oder zu niedrig), oder private Fahrzeuge im Betriebsvermögen. Auch einmalige Ereignisse wie eine teure Jubiläumsfeier oder ein Wasserschaden in der Fertigungshalle müssen herausgerechnet werden.
Ein weiterer kritischer Punkt im Maschinenbau sind die Bestandsbewertungen. Unfertige Erzeugnisse und halbfertige Maschinen stehen oft mit hohen Werten in den Büchern. Hier muss geprüft werden, ob diese Projekte wirklich noch mit Gewinn abgeschlossen werden können oder ob Nachkalkulationen drohen. Auch das Ersatzteillager birgt Risiken: Spezialteile für Maschinen, die seit zehn Jahren nicht mehr gebaut werden, sind bilanziell oft überbewertet und müssen für eine realistische Kaufpreisermittlung abgewertet werden.
Einfluss der immateriellen Werte und Risiken
Abseits der harten Zahlen existieren „weiche“ Faktoren, die den errechneten Wert im Rahmen der Due Diligence (Sorgfältigkeitsprüfung) massiv nach oben oder unten korrigieren können. Ein zentrales Thema ist die Kundenstruktur: Hängt 60 Prozent des Umsatzes an einem einzigen großen Automobilhersteller, führt dieses „Klumpenrisiko“ zu einem Preisabschlag. Umgekehrt treibt eine breite Streuung über verschiedene Branchen (z. B. Pharma, Lebensmittel, Automotive) den Wert, da sie das Unternehmen krisenfester macht.
Auch die Situation der Belegschaft ist ein monetärer Faktor. Im Maschinenbau ist der Fachkräftemangel akut; ein eingespieltes Team aus erfahrenen CNC-Fachkräften und spezialisierten Ingenieuren repräsentiert einen hohen Wiederbeschaffungswert. Wenn das Unternehmen jedoch stark vom Know-how des ausscheidenden Inhabers abhängt und keine zweite Führungsebene etabliert ist, sinkt der Wert drastisch. Käufer ziehen dann die Kosten für das Headhunting eines neuen Geschäftsführers und das Risiko des Wissensverlusts vom Kaufpreis ab.
Checkliste für die Vorbereitung der Bewertung
Eine professionelle Bewertung steht und fällt mit der Qualität der vorbereiteten Unterlagen. Lückenhafte Daten führen bei potenziellen Käufern oder Nachfolgern sofort zu Misstrauen und Risikoabschlägen. Wer den Prozess aktiv steuern will, sollte folgende Punkte klären, bevor externe Bewerter ins Haus kommen.
- Auftragsbestand: Wie weit reicht die Auslastung in die Zukunft und wie profitabel sind die laufenden Projekte vorkalkuliert?
- Maschinenpark-Liste: Existiert eine aktuelle Inventarliste mit Baujahr, Anschaffungskosten und geschätztem Marktwert (nicht nur steuerlichem Buchwert)?
- Normalisierung: Sind alle privaten Kosten und Einmaleffekte der letzten drei Jahre transparent dokumentiert und herausgerechnet?
- Abhängigkeiten: Gibt es Verträge mit Kunden oder Lieferanten, die bei einem Eigentümerwechsel sondergekündigt werden können (Change-of-Control-Klauseln)?
- IP-Status: Wem gehören die Patente und Konstruktionszeichnungen – der Firma oder privat dem Inhaber?
Fazit: Der Wert ist mehr als eine Rechenaufgabe
Die Bewertung eines Maschinenbauunternehmens ist keine exakte Wissenschaft, die eine einzige, unumstößliche Zahl liefert, sondern vielmehr der Startpunkt für Verhandlungen. Während Substanzwert und Multiplikatoren den mathematischen Korridor definieren, entscheiden am Ende strategische Aspekte und das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells über den finalen Preis. Ein moderner, digitalisierter Maschinenpark und eine zweite Führungsebene wiegen oft schwerer als kurzfristige Gewinnspitzen.
Für Unternehmer bedeutet dies, dass die Wertsteigerung lange vor dem eigentlichen Verkauf beginnt. Wer Abhängigkeiten reduziert, den Serviceanteil erhöht und seine Zahlen transparent aufbereitet, liefert Argumente, die den Preis am oberen Ende der Bewertungsspanne rechtfertigen. Der Käufer zahlt letztlich nicht für die Maschinen der Vergangenheit, sondern für die Sicherheit der Cashflows in der Zukunft.
