Für Einkäufer im Maschinen- und Anlagenbau war das Jahr 2025 ein Jahr der gemischten Gefühle. Während sich die Spitzen der Energiekrise geglättet haben, etabliert sich nun ein neues Preisniveau, das deutlich über den Jahren vor der Pandemie liegt.
Der Blick auf 2026 zeigt: Die Zeiten von „Billigstahl“ sind vorbei. Die Transformation zur klimaneutralen Produktion (Green Steel), Protektionismus und verknappte Rohstoffe wie Schrott treiben die Kosten strukturell nach oben – auch wenn die Nachfrage in klassischen Sektoren wie dem Bau schwächelt. Wir analysieren die Preistreiber für das kommende Jahr.
Das Wichtigste in Kürze
- Sockel-Effekt: Ein Rückfall auf das Preisniveau von 2019 ist unrealistisch. Höhere Energiekosten und CO2-Abgaben bilden einen neuen, höheren Boden.
- Die Schrott-Lücke: Da immer mehr Hersteller auf Elektrolichtbogenöfen (EAF) umstellen, wird hochwertiger Stahlschrott zur Mangelware und zum Preistreiber.
- Zweigeteilter Markt: „Grüner Stahl“ (CO2-reduziert) wird 2026 ein knappes Gut mit deutlichem Preisaufschlag sein, während konventioneller Stahl aus Asien durch Zölle (CBAM) künstlich verteuert wird.
- Prognose-Trend: Seitwärtsbewegung mit Tendenz nach oben für Qualitätsstähle; hohe Volatilität bei Baustahl.
Preistreiber Nr. 1: Die Kosten der Dekarbonisierung (CBAM & ETS)
Der wichtigste Faktor für 2026 ist regulatorischer Natur. Der europäische Emissionshandel (ETS) verknappt die kostenlosen Zertifikate für Stahlkocher weiter. Gleichzeitig greift der CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) der EU immer stärker.
Das bedeutet: Günstiger Importstahl aus China oder Indien wird an der EU-Außengrenze mit einer CO2-Abgabe belegt, um ihn auf das Preisniveau von EU-Stahl zu heben.
- Für Einkäufer heißt das: Die Option, auf billige Importe auszuweichen, um den Preis zu drücken, verliert massiv an Attraktivität. Das stützt das Preisniveau der europäischen Hüttenwerke.
Preistreiber Nr. 2: Der Kampf um den Schrott
Die Transformation der Stahlindustrie weg vom Hochofen (Kohle) hin zum Elektrolichtbogenofen (Strom/Schrott) verändert die Rohstoffströme. Um die CO2-Ziele für 2026 zu erreichen, erhöhen alle großen Hersteller (Thyssenkrupp, Salzgitter, ArcelorMittal) ihren Schrottanteil im Mix.
Hochwertiger Schrott (Neu-Schrott aus der Automobilproduktion etc.) wird 2026 zum strategischen Rohstoff. Experten erwarten, dass der „Schrottzuschlag“ keine temporäre Erscheinung mehr ist, sondern fester Bestandteil der Basiskalkulation bleibt. Wer langfristige Lieferverträge hat, sollte prüfen, ob diese an Schrottindizes gekoppelt sind – hier drohen Kostensteigerungen.
Die Nachfrage-Seite: Wer braucht den Stahl?
Der Preis bildet sich nicht nur durch Kosten, sondern durch Nachfrage. Hier zeigt sich für 2026 ein gespaltenes Bild:
- Bauindustrie (Tiefbau/Hochbau): Die Zinsen haben sich zwar stabilisiert, bleiben aber auf einem Niveau, das den Wohnungsbau dämpft. Die Nachfrage nach Betonstahl und Matten bleibt voraussichtlich verhalten.
- Automobilindustrie: Die Transformation zur E-Mobilität läuft, aber die Stückzahlen schwanken. Hier ist keine Explosion der Nachfrage zu erwarten.
- Maschinenbau & Rüstung: Ein starker Treiber. Die Rüstungsindustrie (Panzerstahl, Munition) fährt die Produktion hoch. Auch der Ausbau der Windkraft-Infrastruktur (Großbleche für Türme) sorgt für volle Auftragsbücher bei Spezialstählen.
Das führt zu einer Spreizung der Preise: Standard-Baustahl könnte günstig bleiben (oder stagnieren), während spezialisierte Maschinenbaustähle und Grobbleche sich verteuern.
Grüner Stahl: Der neue Luxus?
2026 kommen die ersten größeren Mengen an zertifiziertem „Grünen Stahl“ (wasserstoffbasiert oder bilanziell CO2-arm) auf den Markt. Die Hersteller rufen hierfür eine „Grünstahl-Prämie“ auf. Da viele Automobilhersteller und Großunternehmen ihre eigenen CO2-Ziele erreichen müssen („Scope 3“-Emissionen), sind sie bereit, diese Prämie zu zahlen. Dies verknappt das Angebot an verfügbarem Stahl für den Mittelstand, der nicht bereit oder fähig ist, Aufschläge von 100–200 Euro pro Tonne für das „Grüne Etikett“ zu zahlen.
Fazit und Handlungsempfehlung
Eine Entspannung an der Preisfront ist für 2026 nicht in Sicht. Wir bewegen uns in einen „Verkäufermarkt“ für Qualitätsstahl hinein, getrieben durch politische Vorgaben und Rohstoffknappheit.
Strategie für Einkäufer:
- Lagerhaltung: Just-in-Time ist riskant geworden. Ein strategischer Lagerbestand bei Standardgüten sichert gegen kurzfristige Preissprünge ab.
- Verträge: Versuchen Sie, Festpreise für 6 Monate zu verhandeln, bevor die nächste Stufe der CO2-Bepreisung voll durchschlägt.
- Schrott-Klauseln: Achten Sie bei Verträgen genau auf die Gleitklauseln für Energie und Schrott. Hier verstecken sich oft die wahren Kostentreiber.
