Leder ist ein Material, das durch Jahrtausende allerhand handwerklich verarbeitet wird. Die technischen Eigenschaften des Werkstoffes sind vielen Handwerkern jedoch bis heute weitgehend unbekannt. Wer Leder professionell verarbeitet, trifft oft nach Gefühl und nicht nach Materialkenntnis Werkzeugentscheidungen. Unsaubere Schnittkanten, ausgefranste Nähte oder Stanzlöcher, die das Material nicht öffnen, sondern beschädigen, sind häufig die Folge. Wer über den Werkstoff Bescheid weiß, kann genauer arbeiten und Werkzeuge gezielt viel besser einsetzen.
Die Gerbverfahren bestimmen die Verarbeitbarkeit
Leder ist kein einheitlicher Werkstoff. Ausschlaggebend für die Eigenschaften ist in erster Linie das Gerbverfahren. Hierzulande sind zwei Varianten weit verbreitet: die vegetabile Gerbung und die Chromgerbung.
Die vegetabile Gerbung arbeitet mit pflanzlichen Gerbstoffen (z. B. Eichenrinde, Quebrachoholz) und bringt diese über mehrere Wochen in die Tierhaut ein. Hier zunächst das Resultat: ein formbeständiges, festes Leder mit guten Schnittkantenqualitäten.
Das Vollnarbenleder aus vegetabiler Gerbung erreicht nach DIN EN ISO 17131 Reißfestigkeiten, die es für die Sattlerei, die Gürtelfertigung und die technisch hoch belastbaren Anwendungen qualifizieren. Die Chromgerbung erfolgt innerhalb weniger Stunden und bringt ein wesentlich weicheres, elastischeres Material hervor. Der Chromgehalt liegt bei 3 bis 5 Prozent Chrom(III)-Oxyd, maßgeblich nach DIN EN ISO 5398.
Mit etwa 80 Prozent der Weltproduktion ist die Chromgerbung mit Abstand das am häufigsten in der Lederindustrie verwendete Verfahren (IULTCS = International Union of Leather Technologists and Chemists Societies).
Das hat für die Werkzeugwahl entscheidende Folgen. Vegatable gegerbtes Leder ist gleichmäßiger zu stanzen und zu prägen, weil es unter Druck gleichmäßig in Form bleibt. Chromgegerbtes Leder reißt bei stumpfen Klingen die Faser, anstatt abzutrennen. Es erfordert schärfere Werkzeuge mit kleinerem Anschliffwinkel.
Professionelle Geräte für Schnitt, Stanzung und Kante
Die Wahl der richtigen Werkzeuge für die Lederbearbeitung erfolgt nach dem Funktionsprinzip: Schneidwerkzeuge, Stanzwerkzeuge und Kantenbearbeitungswerkzeuge haben alle ihre bestimmten Aufgabe, die sich gegenseitig ergänzen.
Das Grundwerkzeug jedes Lederhandwerkers ist das Kopfmesser, auch Ledermesser oder Skiver genannt. Die besseren Modelle haben einen Anschliffwinkel von 15 bis 20 Grad (wie japanische Küchenmesser) und sind aus Stahl mit einer Härte von 58 bis 62 HRC nach Rockwell-Skala. Nur bei dieser Schnitthärte bleibt die Klinge auch bei zähem, vegetabil gegerbtem…em Leder stabil.
Die Stanzwerkzeuge bestimmen Nahtoptik und Lochqualität. Runde Hohlstanzen schneiden neutral, Diamantpunzen mit 45 oder 60 Grad Neigung setzen schräge Einstiche, wie sie in der klassischen Sattlerei traditionell verwendet werden. Mit den derartig vorgesehenen Stichlochrädern, deren Rastermaße z. B. 3,38 mm oder 4,0 mm betragen können, lassen sich gleichmäßige Abstände erzielen, ohne dass vorherangezeichnet werden muss.
An die Verarbeitung schließt sich die Kantenbearbeitung an. Rohe Schnittkanten bei unbeschichtetem Leder sind sehr abrieb- und ausfransungsgefährdet. Kantenstecher, Kantenbrenner, Lederfinisher auf Wachs- oder Harzbasis versiegeln die Kante und erhöhen die Beständigkeit im Gebrauch beträchtlich.
Lederdicke und Schichtaufbau als Auswahlkriterium
Ein ganz besonders häufig vernachlässigter Punkt bei der Werkzeugwahl ist die Lederdicke. Diese wird in Millimetern angegeben und reicht vom Oberleder für Geldbörsen mit 0,5 mm bis zum Sohlleder oder zur technischen Anwendung mit 5 mm und mehr. Die ISO 2589 legt die Messung der Lederdicken international einheitlich fest.
Das aus den unteren Schichten der Tierhaut gewonnene Spaltleder hat eine lockerere Faserstruktur als das Vollnarbenleder, und es reagiert bei Stanzvorgängen empfindlicher auf die Abnutzung der Werkzeugschneiden, d. h. es muss öfter nachgeschärft werden, oder es ist besser, gleich gehärtete Hartmetallwerkzeuge einzusetzen. Wer mit Materialstärken über 3 mm arbeitet, sollte überhaupt auf einen Schlagblock aus hartem Nylon oder Hartholz zurückgreifen, um die Stanzwerkzeuge nicht vorzeitig abzutöten.
Die Wahl des richtigen Werkzeuges beginnt mit der Kenntnis des Materials: Gerbverfahren, Narbenstruktur, Schichtbau, Dicke sind die entscheidenden Parameter, die über Schärfungswinkel, Stanzgeometrie und Kantenfinish bestimmen. Wer diese Zusammenhänge verinnerlicht, mindert seinen Ausschuss und erzielt reproduzierbar saubere Ergebnisse.
