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maschine+werkzeug 04/2019

»Wenn wir in Deutschland Gas geben, bleiben wir vorn.«

Interview

Marco Schülken, Geschäftsführer der Schülken Form GmbH und Vorsitzender des VDMA Werkzeugbau, erläutert die Herausforderungen an seine Branche.

Bild: Schülken

Bild: Schülken

Herr Schülken, die Präzisionswerkzeugindustrie hat laut VDMA 2018 ein Umsatzwachstum von 8 Prozent erreicht, rechnet für 2019 aber nur noch mit einem Plus von 1 Prozent. Gehen Sie für den Werkzeugbau von einer ähnlichen Entwicklung aus?

Ja, ich erwarte sogar eher ein leichtes Minus als ein Plus. Die Werkzeugbaubetriebe laufen leer, der Markt fragt im Moment nichts nach. Das ist getrieben von der Unsicherheit im Automobilbereich. Viele Entwicklungsprojekte, in die die Werkzeugbaubetriebe von Anfang an eingebunden sind, wurden aktuell verschoben oder gestoppt, weil keiner so richtig weiß, wo die Reise mit Diesel oder E-Mobilität hingeht. Hinzu kommen Absatzprobleme der Automobilbauer. Auch im Maschinenbau geht die Nachfrage zurück.

Bewegt sich Ihr Geschäft im gleichen Zyklus wie das der Werkzeugmaschinenhersteller oder gibt es dem gegenüber Verschiebungen?

Das entwickelt sich ähnlich wie im Automobilbereich. Wir sind auch hier vorne dran, weil wir Zulieferer für den Maschinenbau sind. Wenn der Werkzeugbau Probleme hat, erreichen die einige Monate später auch den Maschinenbau. Nach meiner Einschätzung war der Markt für Werkzeugmaschinen in den vergangenen Jahren völlig überhitzt. Wegen der sehr günstigen Zinssituation haben sie die Betriebe bereits mit Maschinen versorgt. Die Nachfrage nach Werkzeugmaschinen dürfte enorm zurückgehen, denn wer eine Werkzeugmaschine haben wollte, hat in den vergangen drei, vier Jahren eine Maschine gekauft. Vor einem Jahr gab es noch Lieferzeiten von sechs bis zwölf Monaten, inzwischen ist schon die eine oder andere Lagermaschine zu bekommen.

Die Werkzeugmaschinenbranche ist sehr exportorientiert. Wie sieht es in dieser Hinsicht mit dem Werkzeugbau aus?

Auch vom Werkzeugbau geht eine Menge ins Ausland. Nach Deutschland sind China und die USA unsere wichtigsten Absatzmärkte. Wir schauen durchaus besorgt in die USA und fragen uns, wie lange wir noch Werkzeuge rüber liefern können, ohne dass wir mit Strafzöllen belegt werden. Die dortige Regierung ist unberechenbar.

Ist China für Sie berechenbarer?

Ich denke schon. Auch hat China nicht die Kapazitäten im Werkzeugbau, um sich selbst zu versorgen. Das Land muss also importieren, weshalb ich nicht davon ausgehe, dass wir hier auf lange Sicht Probleme bekommen. Deutschland wäre in der Lage, sich selbst zu versorgen. Importe und Exporte gleichen sich in unserem Bereich aus, wir könnten das Volumen mit unseren Produktionsmöglichkeiten also selbst abdecken.

Könnte China nicht entsprechende Möglichkeiten schaffen?

Derzeit sehe ich das nicht kritisch. Aus Deutschland kommen sehr viele Werkzeuge, die so hochkomplex sind, dass die Chinesen das nicht schaffen. Wenn wir ein bisschen Gas geben in Deutschland, bleiben wir vorn.

Wie sieht es mit dem Wettbewerb aus dem Ausland aus?

Die stärksten Wettbewerber aus dem Automobilbereich haben wir momentan in Portugal. Wenn es um den Verpackungsbereich geht, sind die Italiener sehr stark, die komplette Turnkey-Lösungen bieten inklusive Peripherie und ganzer Verpackungsanlagen.

China kauft sich zunehmend in Schlüsselbereiche der deutschen Industrie ein. Ist davon auch der Werkzeugbau betroffen?

Mir ist davon nichts bekannt. Zumindest wurden keine bekannten oder hochtechnologischen Betriebe nach China verkauft, aber das könnte eine Frage der Zeit sein. Die Chinesen werden demnächst auch in unserem Bereich zuschlagen, zumal wir das Problem haben, dass wir in Deutschland die Unternehmensnachfolge nicht selber regeln können. Im Prinzip gibt es dafür nur zwei Wege. Entweder entsteht über eine Konsolidierung aus mehreren kleinen Werkzeugbaubetrieben ein großer oder die Betriebe müssen geschlossen oder verkauft werden. Für Letzteres gibt es zu wenig deutsche Käufer. Es ist also abzusehen, dass sich ausländische Firmen einkaufen werden.

Zur Moulding Expo haben die deutschen Werkzeugbauer eine Fairness-Initiative angekündigt. Was hat es damit auf sich?

Die Initiative hat das Ziel, die Wahrnehmung des Werkzeugbaus und der Leistungen im Werkzeugbau zu verbessern. Wir sind die Befähiger unserer Kunden, die ohne ein vernünftiges Spritzgusswerkzeug ihre Teile nicht produzieren können. Die Wertigkeit eines Spritzwerkzeugs beim Kunden ist aber lange nicht so, wie sie sein sollte. Wir fertigen in hoher Präzision Unikate, die Produktionszeiten von drei bis vier Monaten haben. Auf der anderen Seite haben wir massive Probleme bei der Abnahme der Werkzeuge durch die Kunden. Das verzögert sich lange und hat späte Zahlungen zufolge, was es dem Werkzeugbau sehr schwer macht, der nun schon seit einigen Jahren die Funktion von Banken übernommen hat. Das heißt, dass wir Werkzeugbauer in sehr vielen Fällen die Projekte unserer Kunden vorfinanzieren.

Ist diese Entwicklung neu?

Nein, aber es spitzt sich immer mehr zu. Zwei oder gar drei Jahre auf Zahlung zu warten, ist völlig inakzeptabel. Sowohl unsere Kunden als auch unsere Lieferanten sind oft große Global Player. Der mittelständische Werkzeugbau sitzt dazwischen und kann selber keinen Druck weitergeben. Daher ist es uns wichtig, um Verständnis für unsere Situation zu werben. Unsere Fairness-Initiative ist noch gar nicht richtig am Markt, kommt aber bei unseren Lieferanten schon sehr gut an, der Zuspruch ist gut. Für die Kunden überlegen wir, ein Siegel einzuführen, mit dem wir gute Kunden auszeichnen können.

Ist Industrie 4.0 auch für den Werkzeugbau ein Thema?

Durchaus. Hier stehen nun die nächsten Schritte an. Das geht in Richtung Virtual Reality und Augmented Reality. Wir werden unsere Kunden künftig mit Datenbrillen ausrüsten, um aus der Ferne im Reparaturfall aus den Augen des Kunden den Schaden zu lokalisieren und entsprechende Informationen in die Brille zurückzuspielen. So sind wir in der Lage, auch einem Kunden in entlegenen Teilen Russlands schnelle Handlungsempfehlungen direkt vor sein Auge zu projizieren. Das wird auf alle Fälle kommen.

www.vdma.org

Unternehmensinformation

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