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maschine+werkzeug 05/2020

Editorial

Endzeit

Wenn von »Zeiten wie diesen« die Rede ist, dann fallen auch Sätze wie »Nach Corona wird nichts mehr sein wie zuvor« oder »Die Welt wird hinterher eine andere sein«. Da kommt leicht Endzeitstimmung auf. Wir denken an das Restaurant an der Ecke, das die Krise ebenso wenig überleben dürfte wie das Kaufhaus, das Kino mit seinen bequemen Plüschsitzen, das kleine Reisebüro oder die Airline, mit der wir gen Süden flogen.

Auch Industriebetriebe sind in ihrer Existenz bedroht. Dabei ist für die Zerspanungsbranche selbst der Rückblick auf die Zeit unmittelbar vor Corona alles andere als erquicklich, denn sie war da bereits auf Talfahrt. Die Widrigkeiten werden sich während der Pandemie nicht in Luft auflösen, sondern sich eher noch verschärfen. Allen voran gilt das für die Schlüsselbranche Automobilindustrie als großen Kunden. Doch auch der Aerospacebereich trudelt, Prognosen über künftig benötigte neue Flugzeuge sind Makulatur. Selbst die Medizintechnik muss derzeit ungewohnte Umsatzeinbußen hinnehmen bei allem, was nicht direkt mit Corona zusammenhängt.

Die Krise hat Schwächen in den Lieferketten aufgedeckt, die sicherlich beseitigt werden. Das muss nicht gleich die große Deglobalisierung sein, aber Wirtschaft und Politik werden genau hinschauen, in welchen sensiblen Bereichen unsere Abhängigkeit vom Ausland zu groß ist. Auch in Sachen Digitalisierung wird alles anders. Lange angemahnt, kommt sie nun als brachiale Rosskur daher. Sie verschlafen zu haben, sollte man niemand leichtfertig unterstellen. Manche haben es einfach nicht auf die Reihe gebracht. Sie mühten sich über Monate und Jahre vergeblich, um die eine große Lösung für alles zu finden. Als dann plötzlich dringend eine Antwort gebraucht wurde, standen sie mit ihrer IT trotz alledem völlig blank da.

In Zeiten wie diesen würde ich mir eine große Herbstmesse wünschen – so wie sie vor Corona war. In unverhüllte freundliche Gesichter blicken. Herzlich die Hände schütteln. Bei der einen oder anderen Tasse Kaffee die Köpfe zusammenstecken. Geht jetzt leider alles nicht. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, eine große Runde zu drehen und mich im September persönlich von vielen lieben Menschen zu verabschieden, die ich in den vergangenen Jahren journalistisch begleiten durfte. Corona zwingt auch die Verlage wirtschaftlich in die Knie. Unser Mutterhaus, der Carl Hanser Verlag, hat daher beschlossen, den Betrieb der Henrich Publikationen zum 30. September zu schließen. Das trifft in ihrem 121. Jahr auch die Fachzeitschrift maschine+werkzeug. Die bis zum Schlusstermin geplanten Ausgaben sollen noch erscheinen. An dieser Stelle möchte ich jetzt schon auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen aus unserem Verlag Danke sagen für die gute gemeinsame Zeit. Es war mir eine Ehre.

Manfred Flohr Chefredakteur

manfred.flohr <AT> verlag-henrich.de

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