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maschine+werkzeug 06/2019

Glasstraße

Editorial

Manfred Flohr, Chefredakteur. Bild: maschine+werkzeug

Manfred Flohr, Chefredakteur. Bild: maschine+werkzeug

Denken Sie mal nach: Wann haben Sie zum ersten Mal Chinas ›neue Seidenstraße‹ wahrgenommen? Gleich 2013, als Chinas Staatspräsident Xi Jinping nach seinem Machtantritt das Megaprojekt ›One Belt, One Road‹ in Reden Gestalt annehmen ließ? Oder haben Sie den Braten schon früher gerochen, etwa als 2008 der erste Trans-Eurasia-Express aus Xiangtang über die Transsibirische Eisenbahn und Polen in Hamburg eintraf? Oder etwas später – seit 2011 die ersten Containerzüge aus Fernost über die Südroute von Chongquin durch Kasachstan Duisburg erreichen?

Vielen dürften die Dimensionen erst später klar geworden sein, als uns bildgewaltige Reportagen in den Medien vor Augen führten, was für die neue Seidenstraße alles bewegt und geschaffen wird. Neben Eisenbahnverbindungen gehören als ›maritime Seidenstraße‹ auch Seewege zu Chinas ehrgeizigem Infrastrukturprojekt, das die Handelswege zwischen Asien und Europa schneller machen will. Dazu werden in Asien, Indien, Afrika und Europa Seehäfen entlang der Routen ausgebaut. Während im Süden Häfen wie Piräus oder Triest von der Vergrößerung zu Brückenköpfen profitieren, wird den Nord- und Ostseehäfen damit eher das Wasser abgegraben.

Im Westen werden Chinas Pläne von Politik und Wirtschaft durchaus skeptisch beobachtet. Vor allem deshalb, weil sie den Einfluss der Supermacht aus Fernost ausbaut und festigt. Verhindern wird man die neue Seidenstraße nicht können, sie ist da und wird weiter ausgebaut. Wird sie eine Einbahnstraße für chinesische Güter werden? Sicher nicht, das wäre aus ökonomischer und logistischer Sicht blanker Unsinn. Schon auf der alten Seidenstraße ging der Handel in beide Richtungen, auch wenn der im Westen geprägte Begriff ›Seidenstraße‹ anderes suggeriert. Aus chinesischer Sicht hätte sie auch ›Glasstraße‹ heißen können. Neben Gold und Edelsteinen war es vor allem das Glas, das die Karawanen als hochgeschätztes Material nach Osten brachten.

Längst hat China eigenes Know-how in Sachen Glasmacherkunst aufgebaut mit der innerchinesischen Metropole Wuhan als Zentrum dieser Industrie. China ist heute beispielsweise führend darin, ultradünnes Glas zu produzieren, und ist zum weltweit größten Hersteller von Glasfaserkabeln mit einem Marktanteil von über 40 Prozent aufgestiegen. Die Regeln der alten Seidenstraße gelten nicht mehr, seit praktisch alles überall auf der Welt hergestellt werden kann. Die heute transportierten Waren sind nicht kostbar oder einzigartig. Die Handelsströme richten sich an Kategorien wie Preis, Qualität und Verfügbarkeit aus. Porsche und BMW schicken bereits regelmäßig Züge auf der neuen Seidenstraße Richtung Osten. Auch Glas findet in China wieder Abnehmer – in Form moderner Lichtwellenkabel für 5G.

Manfred Flohr

Chefredakteur

manfred.flohr <AT> verlag-henrich.de

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