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maschine+werkzeug 08/2016

"Wer sich heute mit der digitalen Transformation nicht beschäftigt, hat keine lange Zukunft."

Perspektive

Interview - Bei einem Blick in die Zukunft der Werkzeugbranche sieht Mirko Merlo, Vorstandsvorsitzender der Walter AG in Tübingen, trotz zahlreicher Herausforderung auch neue Chancen wenn die Weichen rechtzeitig gestellt werden.

Herr Merlo, wie bewerten Sie die derzeitige Entwicklung der Werkzeugbranche?

Ich glaube, dass die Branche versucht sich zu finden in der Transformationsphase zwischen traditioneller Zerspanung und zukünftiger Zerspanung. Wir erleben momentan den Übergang in die digitale Wirtschaft, der auch unsere Branche nachhaltig verändern wird. Bei Walter haben wir das früh erkannt und dementsprechend unsere Vision als Engineering-Kompetenz neu definiert. Werkzeuge sind nach wie vor ein wichtiger Differenzierungsfaktor. Sie werden aber langsam mehr ein Teil des Ganzen. Beim Kunden zählt heute vor allem ein ganzheitliches Engineering-Know-how, das über die Werkzeuge hinausgeht. Die Branche versucht sich zu finden, in einer Welt, in der es insgesamt kein Wachstum gibt, aber nach wie vor große Chancen.

Warum gibt es kein Wachstum mehr?

Dafür gibt es viele Gründe. Wir bei Walter bringen Produkte auf den Markt, die eine super Leistung bieten. Die Kunden werden also immer weniger Produkte kaufen, weil die gleiche Anzahl von Werkzeugen mehr produzieren kann. Auch die Materialien haben sich verändert. Man zerspant heute weniger Guss und viel mehr Aluminium. Das bedeutet weniger Verbrauch von Wendeplatten und Werkzeugen, weil Aluminium nicht so abrasiv und schwierig zerspanbar ist wie andere Materialien. Seit der Krise 2008/09 werden die Ressourcen zudem viel intelligenter genutzt als in der Vergangenheit. Es werden weniger Werkzeuge verschwendet. Die Kunden versuchen das Beste aus den Produkten herauszuholen, anstatt gleich neue Werkzeuge zu kaufen.

Bei Ihren neuen Produkten wurde die höhere Standzeit in den Vordergrund gestellt. Dass auch höhere Produktivität möglich ist, wurde eher nebenbei erwähnt. Welchen Hintergrund hat das? In der Vergangenheit ging es darum, so viel Stück wie möglich zu produzieren. Als in drei Schichten sieben Tage pro Woche produziert wurde, war in erster Linie Produktivität gefragt. Heute geht es in jedem zweiten Gespräch mit Kunden um die Kosten. Wettbewerbsfähig zu bleiben oder zu werden heißt heute, dass eine Firma Produkte unter gewissen Voraussetzungen preisgünstiger produzieren kann als andere. Qualität, Präzision und Zuverlässigkeit sind in Deutschland Grundvoraussetzung. Wer die nicht erfüllt, ist nicht mehr im Spiel. Bei gleichen Ressourcen und Werkzeugkosten helfen längere Standzeiten dabei, kostengünstiger produzieren zu können als andere.

Ist es für Sie eine Option, Werkzeuge billiger anzubieten, um mehr zu verkaufen?

Zum Teil tun wir das bereits. Indem wir Werkzeuge anbieten, bei denen Wirtschaftlichkeit bewusst an erster Stelle steht. Wir sind aber kein Niedrigpreis-Anbieter und werden das nie sein. Preisgünstig als Kultur passt nicht zu uns. Wir kennen unsere Stärken und Schwächen. Zu unseren Stärken gehört, dass wir immer etwas Besseres und Innovativeres entwickeln.

Ist die digitale Transformation eine Voraussetzung dafür, dass ein Werkzeughersteller überleben kann?

In einiger Zeit ja. Ich glaube, eines Tages wird das keine Option mehr sein, sondern ein entscheidender Faktor.

In welchem Zeithorizont wird sich das ereignen?

Meiner Meinung nach werden diejenigen, die sich nicht heute schon damit beschäftigen, keine lange Zukunft haben. Wer heute oder in den kommenden zwei, drei Jahren etwas Konkretes liefern kann, wird mit großer Wahrscheinlichkeit dabei sein.

Sehen Sie Technologien wie 3D-Druck oder Additive Fertigung als ernste Konkurrenz für die Zerspanung?

Seit einigen Jahren beobachten wir, dass diese Technologien die Prozesse und Bauteile bei unseren Kunden geändert haben. Da wird dann tatsächlich weniger zerspant. Wir müssen darauf vorbereitet sein. Viele sogenannte heiße Aerospace-Bauteile im Antrieb werden schon heute in Additiven Verfahren hergestellt.

Kann die Zerspanung hier langfristig mithalten?

Wenn man sich die vergangenen 30 Jahre vor Augen führt, sieht man, dass es immer Zerspanung und Entwicklungen in der Zerspantechnologie gab. Jede Technologiewende bringt im Endeffekt auch wieder neue Chancen. Es wird schwieriger werden. Die Wettbewerbssituation ist teilweise unangenehm geworden, der Druck ist immens. Auch eine Firma wie Walter braucht Impulse und Druck – sonst wären wir nicht dort, wo wir heute sind.

Können Sie diesen Druck auch an Ihre Lieferanten weitergeben, etwa bei den Rohstoffen?

Das ist zwar eine Kette, aber die Geschwindigkeiten sind unterschiedlich. Je näher Sie am Kunden arbeiten, desto größer ist der Druck. Bei Business to Consumer geht es immer schneller als bei Business to Business.

Die Schwierigkeiten im Werkzeugmarkt betreffen derzeit alle Hersteller. Kann man da den Rohstoffanbietern nicht mächtiger gegenübertreten?

Für einen Stahllieferanten sind wir kein großer Kunde. Automobilisten sind da wesentlich wichtiger als ein Werkzeughersteller.

Gibt es Synergien mit dem Mutterkonzern Sandvik?

Ja, die Synergien gab es schon immer. Wir haben von vornherein unsere Multibrand-Strategie definiert. Das heißt, wir gehören zum gleichen Konzern und nutzen Synergien, zum Beispiel in den Bereichen IT und Logistik. Das senkt Kosten. Bei allem was Kunden anbelangt, sind wir aber komplett getrennt. Jede Firma legt selber fest, wohin sie gehen möchte. Das ist letztendlich das, was die Kunden von uns erwarten. Sie wollen nicht nur von einem einzigen Lieferanten kaufen, sondern ziehen es vor, mehrere zu haben.

Werden Neuvorstellungen von Produkten abgesprochen, oder ist es auch da jedem selber überlassen, wann er auf den Markt kommt?

Neuvorstellungen von Produkten legen wir selbst fest. Was Impulse oder Tendenzen von Kunden anbelangt, gibt es einen offenen Dialog. Das ist definitiv ein Vorteil für uns, vor allem in Ländern, wo Walter nicht so groß ist wie in Deutschland. Wir reden auch darüber, wie sich etwa die Märkte Automotive oder Aerospace weiterentwickeln könnten. Das ist kein Tabu.

Und Automotive und Aerospace die wichtigsten Märkte für Walter?

Vom Volumen her ist Automotive für uns nach wie vor die Nummer eins. Was die positive Entwicklung, Wachstum und Trend angeht, steht für uns Aerospace ganz oben.

Walter bringt alle sechs Jahre eine neue Schneidstoffgeneration heraus. Wird dieser Rhythmus beibehalten oder muss Walter schneller werden?

Neue Produkte bringen wir schneller auf den Markt. Nur die Schneidstoffe erneuern wir etwa alle sechs Jahre. Wettbewerber von uns nutzen ihre Schneidstoffe sogar zehn Jahre oder länger. Wir sind stolz darauf, mindestens alle sechs Jahre eine völlig neue Schneidstoffgeneration vorzustellen, denn damit können wir jeweils eine Revolution auf den Markt bringen. Mit Produkten sind wir noch schneller als mit Schneidstoffen. Sechs Jahre sind sehr kurz, wenn man bedenkt, dass von einer neuen Schneidstoffgeneration mehrere Tausend Produkte beeinflusst sind. Damit wird jedes Mal ein großer Teil unseres Portfolios komplett ersetzt.

Haben Werkzeuge für die Bearbeitung von Aluminium und Titan noch Optimierungspotenzial, oder ist da schon ein Limit erreicht?

Da gibt es je nach Anwendung noch Luft nach oben. Die Vernetzung, also die Kombination von Werkzeugen, Maschinen, Prozessen und Menschen, bietet große Chancen.

Der Gesamtprozess bietet also mehr Optimierungspotenzial als Werkzeuge allein?

Absolut!

Welche Ziele haben sie sich für die kommenden Jahre gesetzt. Wie weit können Sie in die Zukunft planen?

Ich habe zwar keine Glaskugel, was die Märkte und wirtschaftliche Entwicklung angeht, aber in Bezug auf die Entwicklung der Firma Walter sehe ich klarer. Wir planen regelmäßig auf einer Basis von drei bis fünf Jahren. Detailliert betrachten wir die nächsten zwölf Monate. Mein persönliches Ziel ist, diese Firma nachhaltig erfolgreich zu machen. Dazu müssen die Grundvoraussetzungen so geschaffen werden, dass es nur nach vorne gehen kann. Langfristiger Erfolg heißt für uns nicht einfach, dass wir mehr verdienen oder mehr Umsatz machen, sondern dass wir mit unseren Kunden weiterhin ideal zusammenarbeiten. Wir wollen die Engineering-Kompetenz in der Realität sehen. Dass wir bei Walter nie zufrieden sind, gehört für mich mit zur richtigen Einstellung. So können wir immer etwas Besseres bringen.

www.walter-tools.com

  • Bild 1: Perspektive

    Bild 1: Perspektive

  • »Vom Volumen her ist Automotive für uns nach wie vor die Nummer eins. Was die positive Entwicklung, Wachstum und Trend angeht, steht für uns Aerospace ganz oben.« Mirko Merlo, Vorstandsvorsitzender der Walter AG

    »Vom Volumen her ist Automotive für uns nach wie vor die Nummer eins. Was die positive Entwicklung, Wachstum und Trend angeht, steht für uns Aerospace ganz oben.« Mirko Merlo, Vorstandsvorsitzender der Walter AG

  • Bild 3: Perspektive

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Inhaltsverzeichnis
  • 1: "Wer sich heute mit der digitalen Transformation nicht beschäftigt, hat keine lange Zukunft."
  • 2: Vita
Unternehmensinformation

Walter AG

Derendinger Straße 53
DE 72072 Tübingen
Tel.: 07071-701-0
Fax: -212

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