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maschine+werkzeug 01/2017

"Bei der Entwicklung war uns wichtig, dass der Kunde nach fünf Klicks am Ziel ist."

Werkzeuge

Interview - Dr. Michael Klinger, Geschäftsführer der Seco Tools GmbH, und Heinz Peter Boost, Leiter Produktmanagement bei der Seco Tools GmbH, zeigen auf, welche Möglichkeiten die digitale und interaktive Plattform My Pages bietet.

(Links) Dr.-Ing. Michael Klinger sieht My Pages als Schnittstelle mit dem Kunden. (Rechts) Die Kundenanforderungen sind Heinz Peter Boost besonders wichtig.

Herr Dr. Klinger, Herr Boost wie wichtig ist das Thema Industrie 4.0 aktuell für Seco Tools?

Klinger: In Kundengesprächen stellen wir fest, dass sich viele unserer Ansprechpartner, die in Unternehmen für die Produktion verantwortlich sind, zunehmend mit dem Thema auseinander setzen und sich fragen, welche konkreten Verbesserungsansätze sich für ihren Aufgabenbereich durch die Digitalisierung in der Fertigung ergeben. Es geht um die praktische Umsetzung von Punkten aus einer bisher meist abstrakt geführten High-Level-Diskussion. Und hier sind wir als unterstützender Partner und Ratgeber für die Optimierung der zerspanenden Fertigung gefragt.

Welche Bedeutung kommt der Datensammlung und -auswertung zu?

Klinger: Wenn man die Vorteile digital zur Verfügung gestellter Daten nutzen möchte, müssen die Nutzer die Möglichkeit haben, diese Daten auch abzurufen; damit fängt es an. In Deutschland ist es noch eher die Ausnahme, dass Mitarbeiter in der Fertigung einen (Tablet-)Computer mit Internetzugang zum Datenabruf zur Verfügung haben. Eine Schwierigkeit besteht auch in der Trennung der beruflichen und privaten Nutzung dieser Geräte. Auf operativer Ebene ist es in Anbetracht der hohen Entwicklungsgeschwindigkeit auch oft nicht so einfach, die leistungsfähigsten und nützlichsten Anwendungen beziehungsweise Apps zu finden und die zielgerichtete Nutzung durch die entsprechenden Mitarbeiter sicherzustellen.

Geht Seco deshalb den Weg über das digitale Portal My Pages?

Klinger: In My Pages sind verschiedene Apps strukturiert verfügbar. Es ist ein System, das immer weiter ausgebaut wird. Das fängt an bei Kataloginformationen und Daten zur Verfügbarkeit und geht bis zur Verfolgung der Lieferung. Ein Highlight ist sicherlich die systemgestützte intelligente Auswahl der Produkte. Im Vergleich zu gedruckten Katalogen bieten elektronische Systeme die Möglichkeit, das richtige Produkt auf der Basis einer breiten Palette unterschiedlicher Grundbedingungen auszuwählen. Die dazu notwendigen Algorithmen haben wir entwickelt und bereits im System integriert. Jetzt gilt es für uns, Anwendern diese neuen Möglichkeiten zu erläutern und ihnen die Leistungsfähigkeit darzustellen. Dies ist eine lohnende Aufgabe, die allerdings viel Engagement und praktische Erfahrung erfordert. Der Kunde benötigt dafür eigentlich nur einen Internetanschluss und muss offen dafür sein.

Wie weit sind Sie bei dem My-Pages-Projekt fortgeschritten?

Boost: Wir sind ziemlich weit fortgeschritten. Zunächst war es wichtig, die Voraussetzungen zu schaffen. Dazu gehörte es, ein neues Product-Lifecycle-Management-System einzuführen. In diesem sind alle notwendigen und wichtigen Daten für unsere über 30.000 Standardprodukte abgelegt. Bei den verknüpfenden Algorithmen sind wir sehr praxisbezogen vorgegangen und haben unser globales Zerspanungswissen in Theorie und Praxis dafür genutzt. Der Kunde schaut jetzt nicht mehr in den Katalog und blättert nach einem Werkzeug, das eventuell zum Planfräsen oder Eckfräsen beziehungsweise Nutenfräsen geeignet ist. Der neue Weg verläuft genau andersherum. Dabei stehen die Kundenanforderungen im Vordergrund. Ausgehend vom Bauteil mit seinen Abmessungen und Eigenschaften wird die am besten geeignete Werkzeuglösung für die Bearbeitung gesucht.

Klinger: Im Gegensatz zu der früher auf Papier gebundenen Verknüpfung der Daten in Form von Tabellen bieten elektronische Verknüpfungen viel mehr Möglichkeiten. Wir haben vor mehreren Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag in ein PLM-System investiert, in dem wir alle Produktdaten strukturiert ablegen. Bei vorhandenen Werkzeugen kann sich der Kunde dort zum Beispiel über die geeigneten Schnittdaten für seine Anwendung informieren oder sich die möglichen Wendeschneidplatten für seinen vorhandenen Fräskörper anzeigen lassen. Die andere Variante wäre, dass der Kunde eine konkrete Aufgabe zu bewältigen hat– zum Beispiel eine Nut zu fräsen. Dafür gibt es verschiedene geeignete Technologien und Werkzeugoptionen. Durch die intelligente Verknüpfung der Werkzeugdaten mit dem Technologiewissen können wir über Algorithmen mit der entsprechenden App Werkzeugvorschläge erarbeiten und dem Kunden Empfehlungen samt Schnittdaten an die Hand geben.

Worin besteht dabei die Interaktivität von My Pages?

Klinger: Zunächst einmal ist das zu bearbeitende Material ausschlaggebend. Der Anwender gibt also seine Informationen zum Material ein, liefert zudem Kenndaten zur Maschine und natürlich Näheres zum Geometrieelement, das er zu bearbeiten hat. Aus diesen Daten können wir einen zuverlässigen Werkzeugvorschlag erarbeiten. Die Lösung, die der Kunde dadurch erhält ist keine extrem optimierte Lösung, aber eine, die auf jeden Fall sicher funktioniert. Soll dann weiter optimiert werden, dann kommen unsere Experten zum Zuge– denn ganz lässt sich menschliche Erfahrung und Kreativität noch nicht ersetzen. Die Aufgabe unserer Spezialisten im Außendienst ist es dann, das Ganze bis ins letzte Detail zu optimieren, wenn es zum Beispiel bei einer Großserienfertigung um jede Sekunde geht. Viele der einfacheren Aufgaben können wir jedoch über die My-Pages-Plattform lösen. So verwundert es nicht, dass die Zahl der mittlerweile fast 50.000 registrierten My-Pages-Nutzer schnell wächst.

Welche Möglichkeiten bietet die Plattform noch?

Klinger: Bei solchen späteren Vor-Ort-Optimierungen beim Kunden, wenn es um komplexere Aufgaben geht, erstellen unsere Mitarbeiter einen detaillierten Versuchsbericht mit den Einstellungen und Ergebnissen. In der Vergangenheit wurden diese Versuchsberichte mit den Kunden durchgesprochen. Aber die My-Pages-Plattform bietet nun weitere Möglichkeiten der Interaktion. Wir stellen diese Testberichte nun auf einer kundenspezifischen Seite zur Verfügung. Mit seinen Zugangsdaten kann der Kunde sie später immer abrufen. So entsteht dort eine Datenbasis der gemeinsamen Erfahrungen. Das Ziel ist eine strukturierte technische Kommunikation. Das Wissen, das heute schon in den Köpfen oder in dem einen oder anderen Laptop vorhanden ist, kann so besser geteilt werden, wenn es gewünscht ist.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Klinger: Unsere Aufgabe ist nun, den Kreis der Kunden, die My Pages aktiv nutzen, rasch auszubauen. Wir haben die technischen Voraussetzungen geschaffen, wir haben die Produktauswahl und die ›Sharing‹-Plattform. Jetzt geht es darum, dem Kunden durch operative Zusammenarbeit zu zeigen, was möglich ist und selber auch zu sehen, wo wir eventuell nachjustieren müssen.

Boost: Es geht auch darum, dass der Kunde mitbekommt, dass es neue Möglichkeiten im Bereich der effizienten Zerspanung gibt, die ihm vorher womöglich nicht bekannt gewesen sind. Bei der Entwicklung der interaktiven Anwendung war uns wichtig, dass der Kunde nach fünf Klicks am Ziel ist.

Klinger: Darüber hinaus ermöglicht My Pages, mit einem Klick immer das passende 3D-Modell des jeweiligen Werkzeugs herunterzuladen, um es für die Simulation des Bearbeitungsprozesses zu verwenden. Mit My Pages haben wir mit dem Kunden eine Schnittstelle, mit der ganz viele Daten strukturiert ausgetauscht werden können. Früher gab es so einen Datenaustausch auch schon, aber er war sehr viel aufwendiger.

Das My-Pages-Angebot beschränkt sich bisher auf Standardwerkzeuge? Was ist mit Sonderwerkzeugen?

Klinger: Das ist ganz klar die Richtung, in die wir weiter arbeiten. Zukünftig werden dem Kunden individuell seine spezifischen Sonderwerkzeuge angezeigt. Das PLM-System ist dafür ausgelegt– es sind lediglich einige Anpassungen zu machen, damit diese Informationen auch für den Kunden individuell sichtbar sind.

Mit welchen Themen beschäftigt sich Seco aktuell noch?

Boost: Die Anforderungen an die Präzision von Werkzeugen steigen stetig. Wir versuchen natürlich auch, den Einsatzbereich der Werkzeuge weiter auszubauen. Ein Beispiel betrifft Getriebebauteile. So haben wir ein beschichtetes Hartmetall entwickelt, mit dem sowohl Hartdrehen mit produktiven Geschwindigkeiten möglich ist, als auch eine Weichbearbeitung. Damit gibt es nun eine Lösung für wirtschaftliche Hart-/Weichbearbeitung zum Beispiel von einsatzgehärteten Zahnrädern. Wir schauen also, wie sich der Einsatzbereich von Zerspanwerkzeugen sinnvoll erweitern lässt. Dabei ist Kreativität gefordert. Das betrifft beispielsweise neue Verfahren, wie das Hochvorschubfräsen. Hier hat sich bezüglich der Vereinfachung der Programmierung einiges getan, so dass sich vorhandene Maschinen besser und schneller nutzen lassen. Wir haben für das Hochvorschubfräsen ein großes Werkzeugprogramm entwickelt, darunter einen High-feed-Fräser mit einem Millimeter Durchmesser. Viele Werkstücke im Elektronikbereich, die früher erodiert wurden, lassen sich damit alternativ bearbeiten.

Gibt es durch die neuen Einsatzmöglichkeiten eine Verdrängung bei den Werkzeugen?

Boost: Werkzeuge werden in ihrer Auslegung präziser, was gleichzeitig neue Einsatzgebiete für sie eröffnet. Bei Eckfräsern haben wir heute immer mehr Schneiden pro Wendeplatte, so lässt sich ein günstiger Schneidenpreis realisieren. Wir bieten zum Beispiel Eckfräser mit sechs Schneiden an. Wenn das Werkzeug bereits in der Spindel eingespannt ist und nur eine kleine Fläche plan zu fräsen ist, kann dies mit dem Eckfräser geschehen. Es funktioniert, es geht keine Zeit für einen Werkzeugwechsel verloren und weniger Werkzeuge bedeuten auch weniger Logistikaufwand. Das Hochvorschubfräsen kann das Planfräsen in noch größerem Umfang ersetzen. Das Planfräsen hat damit einen Wettbewerb von zwei Seiten. Hochvorschubfräser können einen großen Teil der Bearbeitungen übernehmen, wenn der Anwender die erzielten Oberflächenqualitäten als ausreichend betrachtet. Bauteile können so endkonturnäher bearbeitet werden. Der Anwendungsbereich von Planfräsern wird in Zukunft schrumpfen.

Bietet das Hochvorschubfräsen noch weitere Vorteile?

Klinger: Das Hochvorschubfräsen ist auf dynamischen, leichteren Maschinen ideal einsetzbar, die mehr und mehr Einzug in die Produktion finden und damit entsprechende Produktivität und Abtragsvolumen erreichen. Gerade wenn es um instabilere Situationen bei filigranen Bauteilen geht, lassen sich damit bessere Ergebnisse erzielen, da das Zeitspanvolumen beim Hochschubfräsen dann höher ist als beim konventionellen Eck-/Planfräsen.

Welche Entwicklungen gibt es beim Thema Kühlung?

Boost: Beim Drehen hat sich die Hochdruckkühlung bei schwer zerspanbaren Materialen wie Titan und Nickelbasislegierungen sehr stark durchgesetzt. Wir sehen diesbezüglich aber noch Entwicklungspotenzial beim Fräsen. An verschiedenen Hochschulen wird derzeit an der Übertragung der Hochdruckkühlung vom Drehen aufs Fräsen gearbeitet.

Wie schätzen Sie aktuell den deutschen Markt für Zerspanungswerkzeuge ein ?

Klinger: Der Werkzeugverbrauch hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. Bei der kurzfristig absehbaren zukünftigen Nachfrage erwarten wir weder nach unten noch nach oben große Ausschläge. Der Werkzeugverbrauch ist ein direkter Indikator für die Kapazitätsauslastung unserer Kunden. Natürlich versuchen wir– und es gelingt uns auch– unsere Werkzeuge immer verschleißfester zu machen, um höhere Standzeiten zu erzielen. Außerdem geht es bei den Kunden seit Jahren darum, die Produktivität zu erhöhen. Hier wird das Gesamtpaket, bestehend aus Produktqualität und -daten, kombiniert mit der Beratungsleistung– schnell wachsend mit digitaler Unterstützung– bald nicht mehr weg zu denken sein. Ein anderer Trend ist die Bearbeitung komplexerer Werkstoffe, wie schwer zerspanbarer Materialien, die wiederum dem Ganzen entgegenwirken. Im Motorenbereich sind es beispielsweise temperaturbeständige Werkstoffe, was den Werkzeugverschleiß fördert. Wir als Werkzeughersteller sind dann gefordert, diesen Verschleiß wieder zu senken. Somit gibt es verschiedene Einflussfaktoren, die eher das Potenzial des Werkzeugverbrauchs senken als ihn wieder steigen lassen.

Auf welchen Märkten ist Seco Tools derzeit am stärksten?

Klinger: USA und Deutschland bieten für Seco nach wie vor das größte Potenzial von metallzerspanenden Anwendungen und somit einem großen Verbrauch an Werkzeugen. Diese lokale Sichtweise rückt jedoch zunehmend in den Hintergrund. Viele unserer Kunden bauen ihr weltweites Produktionsnetzwerk weiter aus. Für uns als global tätiger Werkzeughersteller ist es dann die Aufgabe, entsprechend eng mit dem Kunden zusammenzuarbeiten und ihn mit dem gleichen Service an allen Standorten zu unterstützen. So haben wir mehr als 40 Vertriebsgesellschaften und 25 Produktionseinheiten in den verschiedenen Märkten etabliert um die Kunden entsprechend dieser Anforderungen betreuen zu können. Zusätzlich werden digitale Hilfsmittel, wie My Pages hilfreich sein, die weltweite Vernetzung weiter voranzutreiben.

www.secotools.de


Inhaltsverzeichnis
  • 1: "Bei der Entwicklung war uns wichtig, dass der Kunde nach fünf Klicks am Ziel ist."
  • 2: Vita
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Unternehmensinformation

SECO TOOLS GmbH

Steinhof 24
DE 40699 Erkrath
Tel.: 0211-2401-0
Fax: -275

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