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maschine+werkzeug 02/2010

"Der Megatrend in der Industrie geht mehr hin zum Service rund um das Werkzeug"

Technik

Interview Nach vorne schauen und gemeinsam mit den Kunden die bevorstehenden Chancen ergreifen das empfiehlt Tom Erixon, seit vorigem Jahr Präsident von Sandvik Coromant, in der momentanen Wirtschaftskrise.

»Der Wettbewerb hilft uns und treibt uns an, uns technologisch und als Organisationweiterzuentwickeln. Wir werden unsere auf lange Sicht ausgerichteten Strategienweiterverfolgen und natürlich einzelneAspekte von Zeit zu Zeit neu bewerten.« Tom Erixon, Präsident von Sandvik Coromant

Herr Erixon, wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Position?

Es ist sehr spannend. Manche Menschen sagen, so eine Wirtschaftskrise sei schrecklich und schwierig. Ich finde, es ist eine sehr interessante Zeit, um zu Sandvik Coromant zu stoßen und einen neuen Blick auf die Industrie und auf die Möglichkeiten zu werfen. Eine Krise ist nichts anderes als eine Gelegenheit, Probleme aus einer neuen Sichtweise zu betrachten. Schon die ersten Monate als Präsident von Sandvik Coromant waren sehr interessant für mich und es stehen spannende Jahre bevor.

Welche ist denn dabei Ihre Sichtweise?

Die Hauptaufgabe besteht darin, die sehr erfolgreiche Arbeit bei Sandvik Coromant fortzusetzen. Wir befinden uns nicht in der Situation, in der alles überdacht und von neuem begonnen werden müsste. Ich sehe unser Unternehmen als Marktführer in Deutschland, Europa und weltweit. Der Wettbewerb hilft uns und treibt uns an, uns technologisch und als Organisation weiterzuentwickeln. Wir werden unsere auf lange Sicht ausgerichteten Strategien weiterverfolgen und natürlich einzelne Aspekte von Zeit zu Zeit neu bewerten.

Welche konkreten Ziele haben Sie sich gesteckt?

Dazu möchte ich nicht alles preisgeben. Ein klares Ziel ist natürlich, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Typischerweise müssen die Schwachen während einer Krise einiges an Schlägen einstecken. Die Big Player haben dagegen die Muskeln, diese Zeit durchzustehen und die Chance, gestärkt daraus hervorzugehen. Wir nutzen die Krise, um den Fokus auf die Bereiche Instandhaltung sowie Forschung und Entwicklung zu legen.

Plant der Big Player Sandvik Coromant die Übernahme eines schwächeren Konkurrenten am Markt?

Da müssen wir abwarten. Wir sehen uns selbst als Marktführer in Deutschland und auch weltweit. Es ist normal in einer Krise wie dieser, dass verschiedene kleine Unternehmen in Schwierigkeiten geraten. Nur weil eine Firma zum Verkauf steht, heißt das nicht, dass wir an ihr interessiert sind. Interessanter sind schon eher komplementierende Technologien. So haben wir zum Beispiel Mitte 2009 die norwegische Firma Teeness in Sandvik Coromant integriert. Teeness ist ein führendes Unternehmen im Bereich der Anti-Vibrations-Werkzeuge und Bohrstangen mit großen Durchmessern. Dies ist ein Geschäftsbereich, der sehr gut zu unseren Kompetenzen passt. Wenn wir also danach schauen, unser Unternehmen zu komplementieren, sind es in der Regel Nischen-Firmen, die über einzigartige Technologien verfügen, die Sandvik nicht notwendigerweise selbst entwickelt hat.

Welche sind die neuesten Werkzeug-Trends?

Aus meiner Sicht gibt es noch immer eine Menge technische Innovationen im Werkzeugbereich. Ich denke, der Megatrend in der Industrie und bei Sandvik Coromant geht zurzeit und in den nächsten Jahren mehr hin zum Serviceangebot rund um das Werkzeug als zum Werkzeug selbst. So bieten wir mehr und mehr Unterstützung bei der Bearbeitung von neuen, schwierigen Materialien wie Composite-Materialien, die mehr Know-how in Bezug auf die Bearbeitungslösungen verlangen. Natürlich bringt Sandvik Coromant weiterhin jährlich 2000 neue Werkzeuge auf den Markt und arbeitet kontinuierlich an der Verbesserung seiner Produkte. Der große Trend besteht jedoch darin, dem Kunden zu vermitteln, wie sich die Werkzeuge am besten einsetzen lassen, damit der Kunde den maximalen Nutzen aus seiner Investition ziehen kann.

Dafür bietet Sandvik Coromant seinen Kunden die entsprechenden Kurse im eigenen Haus an?

Ja, unsere sogenannten Productivity Center, wo die Schulungen stattfinden, werden zunehmend stärker genutzt. Eines dieser Center befindet sich in Düsseldorf, ein weiteres in Stuttgart. Dort sind wir in der Lage, Problemlösungen für komplizierte Zerspanungsbearbeitung gemeinsam mit den Kunden zu entwickeln. Zudem bieten wir natürlich weltweit Schulungen an. Wir sind vermutlich einer der größten Ausbilder für Maschinenbediener in der Welt. Dies ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Allein in Deutschland wurden 2009 über 6000 Personenvon uns geschult.

Sind die Medizintechnik und Komponenten für Windkraftanlagen viel versprechende Märkte?

Medizintechnik ist interessant und relevant, aber sie macht für uns nur ein relativ kleines Segment aus. Gerade während der Wirtschaftskrise hat sich gezeigt, dass die Luft- und Raumfahrttechnik und der Energiesektor sich als ziemlich stabil erwiesen haben, im Gegensatz beispielsweise zur Automobilindustrie. Da die Bedeutung dieser Gebiete noch zunehmen wird und sie lange Entwicklungszyklen haben, stehen diese Bereiche 2010 und in den kommenden Jahren für uns im Fokus. Gerade bei der Luft- und Raumfahrttechnik gibt es anspruchsvolle Veränderungen in Bezug auf die Materialien und deren Bearbeitung. Für uns ergibt sich daraus eine herausfordernde, aber auch sehr interessante Aufgabe, neue Lösungen zu entwickeln. Zu den Mega-Trends zählt sicherlich auch die Energieeffizienz. Bei vielen Produktbereichen gilt es in der Zukunft, die strukturelle Unversehrtheit zu erhalten, während das Gewicht reduziert wird. Genau dies ist in der Luft- und Raumfahrttechnik geschehen. Die dort verwendeten Composite-Materialien erlauben es, größere Flugzeuge mit niedrigerem Treibstoffverbrauch zu bauen. Dieser Effekt wird in Zukunft auch in anderen Einsatzgebieten Einzug halten.

Welche weiteren Marktsegmente sind für Sandvik Coromant interessant?

Ein relativ kleines Segment, dessen Bedeutung in Zukunft zunehmen wird, ist die Feinstzerspanung. Miniaturisierung steht bei vielen Herstellern auf der Agenda. Die Dinge werden immer kleiner. Auch das Zerspanen wird dadurch feiner. Eine größere Herausforderung ist für uns aber der anhaltende geografische Wandel mit der zunehmenden Bedeutung Asiens und nicht eine Segmentverlagerung in der Industrie.

Welche Bedeutung hat der deutsche Markt für Sie?

Für uns gehört Deutschland zu den Top-Drei-Märkten in Bezug auf die Größe und das Geschäftsvolumen. Der wichtigste Aspekt ist, dass ein großer Teil der weltweiten technologischen Entwicklung in Deutschland stattfindet. Viele Maschinenbauer sind in Deutschland ansässig. Viele deutsche Firmen haben auch Produktionsstandorte außerhalb Deutschlands errichtet, die wir vor Ort unterstützen. Wegen des gro-ßen Absatzmarktes herrscht in Deutschland ein starker Wettbewerb um die weltweit führende Kundschaft. In diesem Sinne spielt Deutschland für uns eine wichtige Rolle als Entwicklungsstandort, als Standort für Feldversuche und um uns den Impuls für eine nächste Werkzeuggeneration zu geben.

Wie lang sind die Entwicklungszyklen für neue Werkzeuge?

Wir haben versucht unsere Produktentwicklung so zu organisieren, dass wir vorrangig komplette Produktfamilien entwickeln. Eigentlich sind wir nie ganz zufrieden mit der Entwicklungszeit, aber rückblickend betrachtet würde ich sagen, dass wir uns dabei in einem Rahmen von fünf bis sechs Jahren bewegt haben, um eine neue Produktfamilie zu entwickeln. Heute beträgt die Vorlaufzeit für eine neue Werkzeuglinie etwa drei Jahre von Anfang bis Ende. Dabei endet für uns diese Zeit, wenn die Außendienstmitarbeiter geschult sind und wenn das Produkt weltweit 24 Stunden am Tag verfügbar ist. So sieht für uns die Einführung eines neues Produktes bzw. einer neuen Produktfamilie aus. Dies geschieht bei Sandvik Coromant zweimal im Jahr.

Warten Ihre Kunden schon auf die neuen Werkzeuge?

Die dreijährige Vorlaufzeit bezieht sich auf den Großteil unserer jährlich rund 2000 neu auf den Markt gebrachten Werkzeuge. Manchmal gibt es spezielle Anforderungen für ein Werkzeug seitens eines Kunden, die eine schnelle Entwicklungszeit erfordern.

Sehen Sie schon ein Ende der Rezession und haben Sie konkrete Hoffnungen für das Jahr 2010?

Ich denke nicht mehr so sehr an die Rezession. Wir müssen auch bedenken, dass es vor der Rezession ein nie dagewesenes, schon fast aggressives Wirtschaftswachstum seit 2001 gegeben hat. Das war keine aufrechtzuhaltende Kurve. Ich vermute, dass wir ein solches Szenario lange Zeit nicht mehr erleben werden. Wir haben nun einen neuen Stand erreicht, den wir als neue Ausganslage annehmen müssen. Ich empfehle deshalb aufzuhören, auf das zurückzublicken, was wir verloren haben und besser nach vorne zu schauen. Für 2010 wünsche ich mir, dass die Diskussionen über die Rezession enden und dass wir bei Sandvik Coromant gemeinsam mit unseren Kunden die bevorstehenden Chancen ergreifen. Wenn sich der Rauch gelegt hat, wird die fertigende Industrie vermutlich ein Drittel des Produktionsvolumens im Industriesektor eingebüßt haben. Dieses Drittel ist weg. Wir arbeiten dann also mit zwei Dritteln von dem, was wir hatten. Das ist die Planungsgrundlage für die nächsten Schritte. Das Jahr 2008 ist Geschichte.

www.coromant.sandvik.com


Inhaltsverzeichnis
  • 1: "Der Megatrend in der Industrie geht mehr hin zum Service rund um das Werkzeug"
  • 2: Vita
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