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maschine+werkzeug 03-04/2010

"Wir möchten Innovationen auf breiter Front sehen und auch in Innovationen denken."

Technik

INTERVIEW Im Fokussieren auf Marktnischen sehen die beiden Geschäftsführer von Haas Schleifmaschinen in Trossingen, Dirk Wember und Thomas Bader, Chancen für das Unternehmen, für das Kommunikation eine große Rolle spielt.

Herr Wember, Herr Bader, was versteht man bei Haas unter Innovation?

Innovation ist ein großes Wort. Wir möchten Innovationen auf breiter Front sehen und auch in Innovationen denken. Dabei stellen wir uns und unsere Produkte immer wieder in Frage. Das gilt für den Vertrieb und das Marketing ebenso wie für die Technik und den Prozess. Auf der einen Seite ist die Herausforderung, als kleines mittelständisches Unternehmen den Weltmarkt zu erreichen und zu bedienen. Die andere Herausforderung zielt auf unsere technische Innovationskraft.

Sie sprechen den Weltmarkt an. Wer sind Ihre Kunden?

Wir sind aktiv in der Zerspanungswerkzeuge herstellenden Industrie, der Medizintechnik, der Verzahnungsindustrie und in der Luft- und Raumfahrt, um nur die wesentlichen zu nennen. Überall da, wo hohe Präzision, hohe Komplexität, verbunden mit schwer zerspanbaren Werkstoffen sich treffen, da finden Sie unsere Produkte und unsere Lösungen.

Stellt die Medizintechnik einen Schwerpunkt dar?

Die Medizintechnik hat in den vergangenen zehn Jahren einen zunehmend größeren Raum eingenommen. Da besteht eine gegenseitige Affinität. Auf Seiten unserer Kunden finden wir hoch innovative Unternehmen, die ständig mit hoher Motivation an der Verbesserung der Lebensqualität von Menschen arbeiten. Diese Firmen haben in uns ein Unternehmen gefunden, welches das Streben nach permanenter Innovation und ständig neuen Herausforderungen mitgeht.

Welchen Anteil hat die Medizintechnik mittlerweile am Gesamtgeschäft von Haas?

Die Medizintechnik macht fast 70 Prozent unseres Umsatzes aus. Wir bedienen hier die Märkte in Europa, Nordamerika und Asien.

Wie hat sich das entwickelt?

Vor zehn Jahren machte Medizintechnik weniger als zehn Prozent unseres Umsatzes aus. Die Branche hat rasante Entwicklungsschritte gemacht und tut das auch noch heute. Damals ist die Herstellung von Implantaten eine vorwiegend manuelle Tätigkeit gewesen. Der Kreis Tuttlingen war schon immer eine Hochburg der Medizintechnik, und auch die Verbindung zu Haas war schon sehr früh da. Bereits Firmengründer Adelbert Haas hat Maschinen in diese Branche geliefert. In den 1960er und 1970er Jahren hatte die Medizintechnik auch viele Gebrauchtmaschinen aus der Uhrenindustrie weiter genutzt. Inzwischen hat Medizintechnik die Uhrenindustrie komplett verdrängt.

Lieferte Haas auch Maschinen in die Uhrenindustrie?

Dahin gingen viele unserer Maschinen, weil dort immer die Präzision im Vordergrund stand. Die Zentren waren im Schwarzwald und in der Schweiz. Heute gibt es im Raum Tuttlingen etwa 700 Unternehmen der Medizintechnik, vom Ein-Mann-Unternehmen bis zum Großkonzern. Die Medizintechnik hat den Schritt von der Werkstattfertigung in die industrielle Gegenwart gemacht. Diesen Wandel hat Haas mitgestaltet.

Was hat Haas besser gemacht als seine Mitbewerber, um in der Medizinbranche so erfolgreich zu sein?

Wir haben früh erkannt, dass Medizintechnik ein Wachstums- und Zukunftsmarkt ist. Haas hat sich schon zu einer Zeit darauf konzentriert, als das Nischendenken noch nicht durchgehend gesellschaftsfähig war. Wir mussten uns dazu wandeln vom generellen Maschinenbauer, der gerne alles machen würde, hin zum Fokus auf bestimmte Nischenmärkte. Dafür verzichteten wir darauf, Maschinen für generelle Anwendungen des Werkzeugschleifens zu bauen. Stattdessen richten wir unsere Aktivitäten auf bestimmte Nischenmärkte.

Wie wird sich die Medizintechnik weiterentwickeln?

Der Markt wird auch in den nächsten Jahren unverändert weiter mit 15 bis 20 Prozent pro Jahr wachsen. Die Lebenserwartung der Menschen steigt, und längst sind noch nicht alle geographischen Regionen mit Medizintechnik versorgt. Die Anforderungen an Implantate werden höher mit der individuellen Anfertigung für einzelne Patienten. Die Vielfalt an menschlichen Ersatzteilen wird jährlich größer.

Ist die Medizintechnik die einzige Nische für Hass?

Nein, wir haben die Strategie, in verschiedene Nischen zu gehen. Das kann auch die Herstellung von Turbinenkomponenten oder von Großgetriebekomponenten für regenerierbare Energien sein. Der Maschinenbau ist geprägt von wenigen, immer größer werdenden Unternehmen, die leistungsfähige Organisationen mit entsprechenden Ressourcen darstellen. Kleine Mittelständler müssen andere Wege finden, um ihr Überleben mittel- und langfristig sicherzustellen. Die Nischenstrategie ist ein Weg, um in dieser Konstellation eine sehr gute Rolle spielen zu können. Kleinere Spezialisten können Märkte bedienen, in denen die Generalisten versagen

Nischen sind also wichtig für Haas. Was macht umgekehrt Haas so interessant für die jeweilige Branche?

Wir lernen zunächst mal, was die Bedürfnisse unserer Kunden sind. Als Antwort auf gestellte Fragen bieten wir Lösungen. Im klassischen Maschinenbaugeschäft wäre die Arbeit an dieser Stelle beendet. Wir hören da aber nicht auf, sondern begleiten den Kunden weiter mit unseren Services und neuen Anwendungsmöglichkeiten. Wir entwickeln dabei proaktiv neue Lösungen, die über das hinausgehen, was der Kunde heute als seine Anforderungen definiert. Wir schlagen dem Kunden eine Lösung vor, über die er noch gar nicht nachgedacht hat.

Das setzt voraus, dass Sie sehr tiefe Einblicke in die Projekte Ihrer Kunden bekommen…

Ja richtig, und das ist auch erforderlich. Damit wir optimale Produktionsmittel zur Verfügung stellen können, sind wir sehr stark eingebunden in die Strategien unserer Kunden.

Sie gehen also bei Ihren Kunden ein und aus?

So ist es. Wir sind ein sehr integraler Bestandteil des Industrial Engineering unserer Kunden. Wir sind schon sehr lange sehr nah dran an den Entwicklungen. Unsere Arbeit ist hier nie beendet.

Bietet Haas dafür viele Sondermaschinen an?

Wir haben vor etwa acht Jahren damit begonnen, unsere Maschinen modular aufzubauen. Dabei wird eine Basismaschine jeweils für einen ganz bestimmten Kundenbedarf oder eine bestimmte Anwendung konfiguriert. Wir bedienen uns dabei aus einem Werkzeugkasten an Modulen. Das ermöglicht uns Standardisierung auf der Ebene der Baugruppen und dennoch maßgeschneiderte Lösungen für die Kunden.

Auf welche Innovationen sind Sie beispielsweise in der engen Kooperation mit den Kunden gekommen?

Ein schönes Beispiel ist die Oberflächengestaltung eines Implantates. Dabei geht es darum, aus einem Kobaltgussrohling ein hochglänzend poliertes hochpräzises Gelenk herzustellen. Bei mehreren Prozessschritten zunächst auf einer universellen Werkzeugschleifmaschinen und nachgelagerten Schleppschleifprozessen kommt es sehr auf die Schnittstelle und die Qualität des Werkstückes bei der Übergabe an. Hier haben wir große Verbesserungen mit einem integrierten Bandschleifer erzielt. Ein weiteres Beispiel sind Kniegelenke, die auch unter der glänzenden Oberfläche hohe Anforderungen stellen. Verzüge und Verspannungen müssen hier verhindert werden. Kühle Schleiftechnologien mit zugleich hohen Abtragsraten sind hier eine Lösung, für die uns unsere kontinuierliche Abrichttechnologie zugute kam.

Aber die Technik alleine macht die Innovationskraft nicht aus…

Nein, wir brauchen immer auch den Dialog und die Kommunikation mit unseren Kunden. Je besser wir kommunizieren und je besser der Dialog ist, desto besser können wir verstehen, was unsere Kunden von uns erwarten.

Gehen Sie auch innovative Wege in der Kommunikation?

Ja, da gibt es zum Beispiel unseren Schleifblog. Das ist sicherlich ein außergewöhnliches Instrument, für uns aber vor allem auch ein Mittel zum Dialog. Wir zeigen damit, dass wir den offenen und öffentlichen Dialog suchen und uns mit unseren Kunden und Partnern auseinandersetzen. Wir wollen damit etwas von uns zeigen, aber auch etwas von draußen zu uns hineinnehmen. Das Internet eignet sich bestens für dieses Vorhaben. Eine Hochglanzbroschüre allein würde unseren Produkten nicht gerecht. Der Meinungsaustausch mit unseren Kunden geht tiefer. Deshalb gibt es den Schleifblog.

Und das funktioniert?

Wir stellen fest, dass der Gedanke richtig war. Wir kennen ja auch etliche andere Firmen, welche dieses Instrument mit Erfolg nutzen. Es braucht natürlich Zeit, bis sich das einschleift und aus dem reinen Lesen ein Dialog wird. Im Maschinenbau ist das natürlich ziemliches Neuland. Wir freuen uns aber, dass gelegentlich auch Kritik über diesen Kanal geübt wird.

Wie sieht diese Kritik aus?

Da haben wir ein sehr anschauliches Beispiel. In unseren Maschinen werden die Schleifscheiben immer wieder abgerichtet, um ihre optimale Form zu behalten. Dabei wird sie aber ständig kleiner, was wir anfangs bei der Kühlmittelzufuhr nicht berücksichtigt hatten. Nachdem dies von Kunden kritisiert wurde, haben wir in den neuen Maschinengenerationen eine automatische Verstellung integriert. Kommunikation soll eben keine Einbahnstraße sein. Nur so können wir uns weiterentwickeln.

www.multigrind.com

Vita

Thomas Bader (im ersten Bild links) ist 1965 in Rottweil geboren. Nach seinem Maschinenbaustudium begann der Diplom-Ingenieur seine Berufslaufbahn bei Hermle in Gosheim als Konstrukteur. Seit 1990 ist er bei Haas, wo er 2002 als Gesellschafter mit einstieg.

Dirk Wember (im ersten Bild rechts) ist 1959 in Wuppertal geboren und studierte in Bochum Maschinenbau. Er war bei der Bochumer Maschinenfabrik und bei Valeo tätig, eher er 2000 die Geschäftsführung von Haas übernahm.

  • Bild 1: Wir möchten Innovationen auf breiter Front sehen und auch in Innovationen denken.

    Bild 1: Wir möchten Innovationen auf breiter Front sehen und auch in Innovationen denken.

  • »Haas entwickelt proaktiv neue Lösungen, die über das hinausgehen, was unsere Kunden heute als ihre Anforderungen definieren.« Dirk Wember, Geschäftsführer der Haas Schleifmaschinen GmbH

    »Haas entwickelt proaktiv neue Lösungen, die über das hinausgehen, was unsere Kunden heute als ihre Anforderungen definieren.« Dirk Wember, Geschäftsführer der Haas Schleifmaschinen GmbH

  • »Die Assoziation von Haas zur Medizintechnik war schon früh da. Wir sitzen hier schließlich in einer Hochburg dieser Branche.« Thomas Bader, Geschäftsführer Technik und Vertrieb der Haas Schleifmaschinen GmbH

    »Die Assoziation von Haas zur Medizintechnik war schon früh da. Wir sitzen hier schließlich in einer Hochburg dieser Branche.« Thomas Bader, Geschäftsführer Technik und Vertrieb der Haas Schleifmaschinen GmbH

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Unternehmensinformation

Haas Schleifmaschinen GmbH

Adelbert-Haas-Straße 1
DE 78647 Trossingen
Tel.: 07425-3371-0
Fax: -50

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