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maschine+werkzeug 04/2016

"Bei allem, was wir in Zukunft entwickeln, wird uns TÜV Süd auch weiter zur Seite stehen"

Management

Interview - GDW-Geschäftsführer Hans Ort und Dr.-Ing. Detlev Richter, Vice President und Global Head of Industrial Products bei TÜV Süd, sprechen über ihre gemeinsame Zusammenarbeit, die zur ersten TÜV-Zertifizierung von konventionellen Drehmaschinen führte.

Herr Ort, vor zirka einem Jahr haben Sie sich an TÜV Süd gewandt, um Ihre Drehmaschinenbaureihen zertifizieren zu lassen. Warum haben Sie sich für diesen Schritt entschieden?

Hans Ort: Wir haben schon immer sehr sichere Maschinen gebaut aber ich wollte kein Risiko eingehen und diese Sicherheit durch einen sorgfältigen und vor allem unabhängigen Partner bestätigen lassen. Das CE-Zeichen kann jeder Geschäftsführer für sein Produkt selbst vergeben, indem er unterschreibt, dass alle relevanten Normen eingehalten wurden. Aber es ist ein reines Verwaltungszeichen und sagt nicht viel über die Sicherheit von Produkten aus. Ich bin davon überzeugt, dass die wenigsten wissen, was sie bei der CE-Konformitätserklärung unterschreiben, und dass sie bei einem Arbeitsunfall dafür haften. Der Richter entscheidet allein nach Aktenlage, und ist nicht alles genau nachzulesen, dann muss der Geschäftsführer für sein Produkt einstehen. Ich habe mir das Ziel gesetzt GDW-Maschinen so sicher wie möglich zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, habe ich mir einen Partner gesucht, der als dritte, unabhängige Instanz neutral unsere Maschinen begutachtet und als sicher zertifiziert.

Warum haben Sie den TÜV Süd für diese Zusammenarbeit gewählt?

Hans Ort: Zum einen war natürlich die geografische Nähe entscheidend. Zum anderen wusste ich aber auch, dass wir mit TÜV Süd einen zu 100 Prozent unabhängigen, neutralen und kompetenten Partner an unserer Seite haben, mit dem wir diesen Weg gehen können. Ich bin der Meinung, dass sowohl der TÜV als auch GDW von dieser Zertifizierung profitiert haben. Auf der einen Seite war die Prüfung einer derartigen Serienmaschine für den TÜV Neuland, und auf der anderen Seite gab uns die Zertifizierung die Sicherheit, dass die Maschinen noch von einer dritten, unabhängigen Person geprüft wurden. Außerdem ist TÜV Süd international aufgestellt, sein Zeichen kennt jeder auf der Welt. Das GS-Zeichen zum Beispiel, das uns auch ausgestellt wurde, ist ein rein deutsches Zeichen.

Dr. Detlev Richter: Dennoch ist das GS-Zeichen inhaltlich ein sehr sinnvolles Zeichen. Die ZLS, Zentralstelle der Länder für Sicherheitstechnik, ist sehr anspruchsvoll, was die Durchführung der Tests für das GS-Zeichen angeht. Speziell die Untersuchung der Inhaltsstoffe, mit denen der Mensch in Kontakt kommt, werden beim GS-Zeichen nach genau festgelegten Kriterien geprüft. Wir haben beide Prüfungen kombiniert und ein kombiniertes Prüfzeichen bei GDW final angewendet.

Herr Dr. Richter, was steckt alles hinter einer Zertifizierung bei TÜV Süd?

Dr. Detlev Richter: Wir als TÜV Süd begleiten unsere Kunden vom Anfang bis zum Ende, das heißt schon während der Entwicklungszeit bis hin zur endgültigen Prüfung des Produkts. Gerade am Beginn der Entwicklung können wir technische Lösungen in der Konzeptphase prüfen, und so frühzeitig die vom Unternehmen geplante Konstruktion verifizieren. Wir können alternative Lösungen begutachten und so auf direkte oder versteckte Kosten bezüglich unterschiedlicher Sicherheitskonzepte aufmerksam machen. Außerdem erfahren wir so schon früh vom Kunden, in welche Märkte das Produkt zukünftig verkauft werden soll. Die erforderlichen Tests können so entsprechend den Anforderungen der Länder gebündelt und komplett durchgeführt werden. Wenn das Unternehmen dann später in diese Märkte exportieren will, können wir innerhalb von ein bis zwei Wochen das benötigte Zertifikat dafür vergeben. Unsere Produktzertifizierung ist also nicht ›nur‹ ein weiteres Prüfzeichen, sondern sie ist unser Dienstleistungskonzept, die Kunden im gesamten Entwicklungs- und Fertigungsprozess zu begleiten und alle regulativen und normativen Anforderungen für die Zielmärkte zu berücksichtigen. Der Kunde sucht sich einen Partner, mit dem er zusammen die gestiegenen Anforderungen an die Sicherheit seiner Produkte für den weltweiten Markt meistert.

Welche Maschinenbaureihen der GDW wurden von TÜV Süd zertifiziert?

Hans Ort: Wir haben unsere Basic-, Classic- und Comfortline-Reihen zertifizieren lassen. Die Präzisionsleit- und Zugspindeldrehmaschinen aus unserem Haus.

Ist für die Zukunft eine weitere Zusammenarbeit zwischen TÜV Süd und GDW geplant?

Hans Ort: TÜV Süd ist ein wichtiger Partner für uns geworden, dem wir auch vertrauen, und deshalb wird unser gemeinsamer Weg auf jeden Fall weitergehen. Bei allem, was wir in Zukunft entwickeln, wird uns TÜV Süd auch weiter zur Seite stehen, uns beraten und uns für die Entwicklung in unserem Maschinenpark ständig begleiten. Das sind richtige Fachleute, also keine Wissenschaftler oder Juristen, sondern brauchbare Praktiker, die Ahnung haben.

Dr. Detlev Richter: Wir feiern in diesem Jahr unser 150-jähriges Bestehen, und wir haben seit jeher erfahrene und kompetente Mitarbeiter, die einen geschulten Blick für potenzielle Risiken haben. Sie sehen jeden Tag ein anderes Unternehmen mit anderen Produkten und müssen innerhalb kürzester Zeit die Schwächen und Verbesserungspotenziale erkennen können, das ist eine besondere Fähigkeit unserer Mitarbeiter. Eine absolute Sicherheit wird es nie geben, aber die Fähigkeit und das Wissen unserer Mitarbeiter sorgen dafür, dass wir eine sichere industrielle Basis haben.

Herr Dr. Richter, muss die TÜV-Zertifizierung auch bei relativ baugleichen Maschinenreihen von Grund auf neu vorgenommen werden?

Dr. Detlev Richter: Kleine Änderungen an verschiedenen Maschinenbaureihen kann man entweder einzeln bewerten und zertifizieren, oder die Änderungen beeinflussen die Risikoanalyse substanziell, dann muss man die Maschine neu prüfen. Bei einer Maschinenbaureihe mit neunstufigem Getriebe laufen zum Beispiel Vorgänge ab, die bei einer mit stufenlosem Antrieb oder einer mit stufenlosem Antrieb und stufenlosem Vorschub gar nicht ablaufen können. Oder bei zwei Maschinen, die sich nur in ein paar Millimetern in der Spitzenweite voneinander unterscheiden, können ganz andere Probleme auftreten. Da kann sich ein Mitarbeiter bei der einen in einem Spalt die Hand quetschen, der bei der anderen Maschine gar nicht vorhanden ist. Hier kommt unsere Sorgfaltspflicht zum Tragen. Wir müssen jede Maschine in Augenschein nehmen und prüfen. Auch wenn eine Maschine aus der Baureihe zu einer Sondermaschine umgebaut wird, begleiten wir den Kunden.

Muss das Zertifikat jedes Jahr erneuert werden?

Hans Ort: Nein, das nicht. Aber einmal im Jahr kommt TÜV Süd bei uns unangekündigt vorbei und prüft, ob das, was zertifiziert worden ist, auch eingehalten wird. Ist das nicht der Fall oder fehlt eine Dokumentation, dann kann er uns unser Zertifikat einfach wieder entziehen. Um das zu verhindern, haben wir allerdings immer die Möglichkeit beim TÜV anzufragen, ob eine Änderung an unseren zertifizierten Maschinenbaureihen das Zertifikat beeinflusst. Dadurch können wir uns rückversichern, ob unsere Produkte weiterhin sicher sind, und laufen nicht Gefahr unser TÜV-Zertifikat zu verlieren.

Ist es im Hinblick auf Industrie 4.0 möglich, diese TÜV-Prüfung irgendwann ohne einen Prüfer beim Unternehmen vor Ort auszuführen?

Dr. Detlev Richter: Das ist ein Thema, an dem ich gerade verstärkt arbeite. Natürlich ist es möglich, dass uns der Kunde eine dreidimensionale Konstruktion seiner Maschine schickt und wir vorab Prüfungen machen, für die wir zukünftig nicht vor Ort sein müssen. Wir werden auch schneller Daten austauschen und Fragen beantworten können, ohne beim Kunden sein zu müssen. Aber es ist schwierig, allein auf digitalem Weg Sicherheit zu garantieren, da die digitale Welt ein eigenes Risiko darstellt. Unserer Sorgfaltspflicht können wir nur vollständig nachkommen, wenn wir sozusagen das ›lebendige Objekt‹ selbst geprüft haben. Auch den Erfahrungsschatz unserer Mitarbeiter und ihre besondere Fähigkeit, Risiken zu erkennen, die oft nicht einmal der Konstrukteur sieht, wird nicht so schnell in die digitale Welt übertragen werden.

Wie lang hat die Zertifizierung der GDW-Maschinenbaureihen im vergangenen Jahr insgesamt gedauert?

Hans Ort: Im März 2015 kam ein Mitarbeiter von TÜV Süd, dem ich mein Anliegen erklärt habe, und im September 2015 war dann bezüglich der Zertifizierung alles abgeschlossen. Wir haben aber schon immer sichere Maschinen gebaut, sonst hätten wir die Zertifizierung in dem halben Jahr gar nicht schaffen können. Da mir das TÜV-Zertifikat bestätigt, dass unsere Maschinen sicher sind, kann ich auch mit ruhigem Gewissen meine Unterschrift unter die Konformitätserklärung setzen. Das Gefühl, dem Kunden eine sichere Maschine zu liefern, lässt sich nicht mit Geld aufwiegen.

Dr. Detlev Richter: Es gibt einfach zu viele Normen, die inhaltlich ausgelegt und eingehalten werden müssen, und zu viele Schadensfälle, die der Konstrukteur und Geschäftsführer kennen muss, um eine Maschine sicher zu bauen. Dieses umfangreiche Wissen kann sich kaum ein kleines oder mittleres Unternehmen selber aneignen. Unser Job ist es seit 150 Jahren, genau dieses Wissen zu haben, zu erlangen und untereinander auszutauschen, um den Kunden, die sich an uns wenden, ein zuverlässiger und zu 100 Prozent unabhängiger Partner zu sein.

www.gdw-drehen.de

 

  • Bild 1: Tüv Süd / GDW

    Bild 1: Tüv Süd / GDW

  • »Wir als TÜV Süd begleiten unsere Kunden vom Anfang bis zum Ende, das heißt schon während der Entwicklungszeit bis hin zur endgültigen Prüfung des Produkts.« Dr.-Ing. Detlev Richter, Vice President und Global Head of Industrial Products bei TÜV Süd

    »Wir als TÜV Süd begleiten unsere Kunden vom Anfang bis zum Ende, das heißt schon während der Entwicklungszeit bis hin zur endgültigen Prüfung des Produkts.« Dr.-Ing. Detlev Richter, Vice President und Global Head of Industrial Products bei TÜV Süd

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Inhaltsverzeichnis
  • 1: "Bei allem, was wir in Zukunft entwickeln, wird uns TÜV Süd auch weiter zur Seite stehen"
  • 2: Vita
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GDW Werkzeugmaschinen GmbH

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Fax: -40

TÜV SÜD Product Service GmbH

Ridlerstraße 65
DE 80339 München
Tel.: 089-50084-0
Fax: -50084-330

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