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maschine+werkzeug 07/2017

"Digitalisierung kann starken Kundennutzen bringen."

Interview mit Dr. Bernhard Bringmann, Geschäftsführer Starrag

Am Rande der Turbine Technology Days bei Starrag in Rorschacherberg erläutert Geschäftsführer Dr. Bernhard Bringmann die Aerospace-Strategie des Unternehmens.

Herr Dr. Bringmann, zum fünften Mal hat Starrag seine Technology Days in Rorschacherberg ausgerichtet. Warum diese Veranstaltung?

Für uns ist es oft schwierig, ein geeignetes Forum zu finden, um unsere Lösungen zu präsentieren. Bei den klassischen Messen haben Kunden wenig Zeit und die Aussteller verzeichnen große Streuverluste – man ist wenig fokussiert. Für die Kunden ist es mitunter schwierig zu erkennen, was für Lösungen wir tatsächlich anbieten. Unsere eigene, konzentrierte Veranstaltung ist viel besser geeignet zu zeigen, wohin die Reise geht, welche Entwicklung es gibt.

Die Veranstaltung hat sich im Laufe der Jahre positiv entwickelt…

Wir hatten von Anfang an positives Feedback. Es hat sich auch bewährt, dass wir das nicht alleine machen, sondern immer zusammen mit Partnern – mit der Firma Walter nun schon zum dritten Mal. Weil auch viele andere Eventpartner ihren Teil beitragen, haben sich die Technology Days zu einer Art Branchentreff für die hier gezeigten Anwendungen entwickelt.

Bild: Starrag Group

Vita

Dr. Bernhard Bringmann ist seit 1. Januar 2014 Geschäftsführer der Starrag AG in Rorschacherberg (Schweiz). Er trat 2008 als Leiter Versuchsfeld in die Starrag ein. Ab 2009 war er stellvertretender Entwicklungsleiter und ab Anfang 2012 übernahm er die Funktion als Leiter Technik bei der Starrag Rorschacherberg. Zuvor war er wissenschaftlicher Assistent an der ETH Zürich. Bernhard Bringmann ist Dr. sc. der ETH Zürich und verfügt über einen Master of Science in Mechanical Engineering des Rensselaer Polytechnic Institute in Troy/USA. Er ist Member bei der Internationalen Akademie für Produktionstechnik CIRP.

Welche Bedeutung hat für Sie gerade die Zusammenarbeit mit Walter?

Werkzeug ohne Maschine ist nichts, Maschine ohne Werkzeug ist nichts. Walter hat einen ähnlichen Ansatz wie wir, nämlich einen Fokus auf den Prozess. Walter macht auch gute Werkzeuge. Daher ist es ein Partner, mit dem zusammen man viel mehr zeigen kann als alleine. Wir arbeiten nicht exklusiv mit Walter zusammen, aber in vielen Projekten.

Wie wichtig sind Komplettlösungen für die Aerospace-Branche?

Aerospace hat ein paar Spezialitäten: teure Materialien, lange Zykluszeiten, komplexe Komponenten. Man kann da nicht einfach mal beginnen, Serien zu fräsen und das Ganze langsam optimieren. Auch die Zertifizierung verhindert, dass ständig der Prozess geändert werden kann. Die Branche hat daher einen relativ hohen Entwicklungsanteil, fixiert dann das Ergebnis und lässt den Prozess lange laufen. Da müssen sich Hersteller natürlich gleich überlegen, wie sie etwas angehen, um am Schluss am Markt bestehen zu können.

Welchen Anteil hat der Aerospace-Bereich für die Starrag-Gruppe?

Für uns ist er das größte Marktsegment und wächst noch weiter. Der Umsatzanteil bewegt sich in Richtung 40 Prozent.

In welchen Bereichen für Aerospace liegen die besonderen Kompetenzen von Starrag?

Von den meisten Mitbewerbern unterscheiden wir uns durch unseren Ansatz. Wir kommen wirklich von den Anwendungen und stellen hier die entsprechenden Fragen. Wie produziere ich einen Blisk? Was ist die optimale Methode für eine Turbinenschaufel oder für ein Aluminiumstrukturbauteil oder für ein Titanstrukturbauteil? Dann versuchen wir, diesen Prozess zu beherrschen. Die Aufgabe der Maschine ist es, diesen optimalen Prozess ohne Einschränkung umsetzen zu können. Dieser Prozessgedanke gibt uns einen sehr klaren Input für die Weiterentwicklung der Maschine.

Holen Sie solchen Input auch beispielsweise während solch einer Veranstaltung von Ihrem Kunden?

Die Entwicklungen gehen natürlich nur zusammen mit dem Kunden, der Lösungen braucht. Da geht es oft nicht nur um den Zerspanprozess, sondern auch um Spanntechnik und Vorrichtungen, um den Prozess stabil zu machen. Für uns ist es wichtig, dass alle, die im Kontakt mit Kunden sind, dieses Feedback und Wissen zurückbringen. Aber der Ursprung ist natürlich immer der Kunde.

Welche Entwicklungen sehen Sie in den kommenden Jahren für die Aerospace-Branche?

Die Aerospace-Branche erlebt derzeit einen Boom. Wir haben höhere Stückzahlen und dadurch größeren Kosten- und Effizienzdruck. Im Zuge dessen kommen neue Anforderungen von den Kunden. Dem können wir mit neuen technischen Lösungen begegnen, aber zum Beispiel auch mit neuen Wartungskonzepten. Unsere Aufgabe wird sein, das Ganze zu ermöglichen und den verlangten Produktivitätsfortschritt mitzutragen. Wie bisher schon, kommen neue Materialien und neue komplexere Designs hinzu. Kombiniert wird das mit neuen Verfahren, die zum Beispiel dafür sorgen, dass Teile nicht mehr geschmiedet sind oder gegossen werden, sondern 3D gedruckt werden können. Unsere Herausforderung ist es, zu verstehen, was die Herausforderungen für den Kunden sind und welchen Beitrag wir leisten können.

Welchen Einfluss wird Additive Manufacturing auf die Zerspanung haben?

Das werden wir sehen. Ich sehe die Entwicklung sehr positiv, da sie viele neue Möglichkeiten zur Gestaltung gibt. Nach heutigem Stand ist 3D-Druck nicht geeignet, um Funktionsflächen direkt herzustellen. Es wird also Folgeprozesse geben müssen, um fertige Bauteile zu erzeugen. Wir müssen sehr genau beobachten, wohin die Reise geht, um dann parat zu sein, den Kunden auch für diese Bearbeitungsschritte einen Mehrwert zu bieten. Es gibt in diesem Spiel immer wieder neue Entwicklungen, und das betrifft ja nicht nur Zerspanen und 3D-Drucken. Auch Gieß- und Umformtechnik stehen in Kombination mit neuen Materialien und Geometrien ständig vor neuen Herausforderungen. Manchmal geht es weg von der Zerspanung, manchmal aber hin zur Zerspanung. In den vergangenen Jahren hatten wir die starke Tendenz, viel mehr Komponenten zu zerspanen. Vielleicht werden wir künftig bestimmte Anwendungen verlieren und dafür wieder neue hinzugewinnen. Das Wichtige ist, dass wir die Augen offenhalten.

Nun tun sich ja verstärkt neue Märkte auf, auch in China boomt Aerospace. Stellen diese Kunden andere Anforderungen an Hersteller von Maschinen?

Von der Technik kommt man schlussendlich auf ähnliche Lösungen. Da gibt es globale Standards, an denen sich alle orientieren. Die Herausforderung an uns ist eine andere. Wir können nicht hier in der Schweiz sitzen und versuchen, die Kunden von hier aus zu betreuen. Wir müssen stark regional verankert sein, um lokalen Support zu bieten, brauchen top ausgebildete Leute, die Kunden in deren Muttersprache betreuen können. Das gilt für den Service ebenso wie für die Applikationsseite. Das Geschäft ist sehr lokalisiert. Projekte gibt es nicht nur in China und USA, sondern auch Indien, Malaysia oder Indonesien.

Mit welcher Strategie geht Starrag in die Zukunft? Was sind die Pläne für die nächsten Jahre?

Für uns wird sicher die starke Anwendungsfokussierung, die wir bereits haben, das absolute Kernstück bleiben. Das ziehen wir in den verschiedenen Marktsegmenten durch. Unser Anspruch ist es, für diese Anwendungen die führenden Lösungen zu haben und jedem Kunden mehrere bieten zu können. Insgesamt geht die Tendenz natürlich dahin, nicht nur die Werkzeugmaschine zu beherrschen, sondern einfach alles, was für den Prozess wichtig ist. Für die Applikation müssen wir nicht nur die Maschine kennen, sondern auch den Prozess, die Werkzeuge, die Vorrichtung, die Software und so weiter.

Für Ihren Veranstaltungspartner Walter ist die Digitalisierung sehr wichtig. Welche Rolle spielt sie für Starrag?

Die Digitalisierung ist natürlich ein großes Thema. Nach meiner Meinung wird es aber immer etwas zu abstrakt dargestellt. Wir beschäftigen uns mit dem Thema schon sehr lange und setzen die Möglichkeiten der Digitalisierung auch ein. Es muss aber klar sein, dass die Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern dass sie neue Möglichkeiten eröffnet, die einen starken Kundennutzen bringen können. Wenn wir solche Möglichkeiten sehen, setzen wir das um. Wenn wir den Mehrwert auf konventionelle Art erzielen können, ist uns das genauso recht. Die Methode ist also eher zweitrangig.

www.starrag.com

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Unternehmensinformation

Starrag Group

Seebleichestraße 61
CH 9404 RORSCHACHERBERG
Tel.: 004171-8588-111
Fax: -122

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