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maschine+werkzeug 07/2013

Interview / Hermle

»Beim heutigen wirtschaftlichen Umfeld fahren wir wie ein Rallye-Fahrer auf Sicht.«

Interview - Die Hermle AG entwickelt sich deutlich besser als manch anderes Unternehmen im Maschinenbau. Dietmar Hermle behält die Entwicklung im Blick, wundert sich über die Politiker und will das Unternehmen weiterbringen.

Herr Hermle, wie sieht Ihr wirtschaftlicher Ausblick aus?

Hier müssen wir unterscheiden zwischen der allgemeinen Situation in Deutschland und der Situation bei Hermle. In der letzten Meldung aus unserer AG haben wir einen deutlich steigenden Auftragseingang vermeldet, der nach allem was ich höre konträr zur allgemeinen Situation am Markt ist, wo von deutlichen Rückgängen berichtet wird. Wir hatten im ersten Quartal dieses Jahres bei den Aufträgen ein Plus von 40 Prozent.

Hat Hermle eine Sonderstellung in der Branche?

Das glaube ich langfristig nicht. Wir haben vielleicht von unserer Hausausstellung und unserem guten Namen im Service profitiert. Insgesamt wird sich aber auch Hermle dem Trend nicht verschließen können, zumal wir feststellen, dass das Kaufverhalten in Deutschland ruhiger wird. Der Export läuft noch relativ gut. Wir gehen davon aus, dass der Wahlkampf und die immer noch nicht bewältigte Eurokrise für eine weitere Beruhigung sorgen werden.

Nur für eine Beruhigung?

Im Gegensatz zur Wirtschaftspresse möchte ich nicht von einer Krise reden. Davon ist der gesamte Maschinenbau weit entfernt. Wir haben eine Beruhigung auf hohem Niveau. Ich wundere mich sehr darüber, dass die Wirtschaftspresse schon seit anderthalb Jahren von einer Krise schreibt. Also wenn das jetzt eine Krise ist, dann hoffe ich, dass sie lange anhält. Aber natürlich kann man eine Krise auch mit allen Mitteln herbeirufen. Den handelnden Personen in der Regierung würde ich dabei kein gutes Zeugnis ausstellen. Was hier in den vergangenen Monaten und Jahren ablief, war weit entfernt von einer vernünftigen politischen Regelung.

Womit hat sich unsere Regierung dieses schlechte Zeugnis verdient, was wurde falsch gemacht?

Gegenfrage: Was hat diese Regierung richtig gemacht? Eigentlich sollten die gewählten Politiker uns mit ihren Visionen voranbringen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ohne Not werden Dinge, die bislang gute funktioniert haben, in Frage gestellt und sogar zerstört. Unser Schulsystem ist da nur eines von vielen Beispielen. Wie sollen wir als mittelständisches Unternehmen bei schwankenden Rahmenbedingungen Konzepte für die Zukunft machen und Mitarbeiter ausbilden? Wir übernehmen heute bereits einen Teil der Aufgaben, die eine Schule hätte leisten müssen.

Sie sprechen Rahmenbedingungen an. Fehlt es an Planungssicherheit?

Mir fehlt gerade alles. Früher waren die politischen Lager klar definiert. Heute findet man die damit verbundenen Werte gar nicht mehr. Wenn ich nach einem Konservativen fische, finde ich keinen mehr. Dafür tummeln sich die ehemals Schwarzen im roten Lager und andersrum. Früher haben die Banken und die Wirtschaft die Zinspolitik beeinflusst und bestritten. Der Leitzins hat sich aus Angebot und Nachfrage ergeben. Heute definieren und deklarieren die Finanzminister auf dem G7-Wirtschaftsgipfel den Leitzins, der zugunsten der Staatsverschuldung möglichst niedrig gehalten wird. Die Auswirkungen dieser Zinspolitik werden irgendwann verheerend sein.

Werden Sie zur Wahl gehen, Herr Hermle?

Wenn Sie mir sagen, wen man wählen kann, dann schon. Ich würde gerne wählen, habe im Moment aber meine Probleme damit. Wer ist denn von diesen Politikern und Parteien wählbar? Ich habe das Gefühl, man wird permanent belogen.

Wie weit plant Hermle in die Zukunft hinein?

Wir wollen diese Firma weiterentwickeln und sie in die nächste Generation übergeben. Das ist unser Ziel, sofern man uns lässt. Von der früheren strategischen Zweijahres- oder Dreijahresplanung sind wir weggekommen, das geht nicht mehr. Beim gegenwärtigen wirtschaftlichen Umfeld fahren wir permanent auf Sicht.

Dabei fährt Hermle doch wohl in der Formel 1?

Keineswegs. Ein Formel-1-Fahrer folgt der vorgegebenen Strategie, die es umzusetzen gilt. Wenn das gut geht, hat er gewonnen, im anderen Fall hatte er Pech. Im Unterschied dazu fährt ein Rallye-Fahrer immer mit einem gewissen Sicherheits-Touch, um jederzeit auf die Situation reagieren zu können. Wir fahren derzeit wie so ein Rallye-Fahrer völlig auf Sicht, denn mit den Prognosen können wir nichts anfangen. Die Erfahrung zeigt, dass die Statistiken diverser Institute nicht stimmen.

Was sind Ihre Informationsquellen?

Wir sind angewiesen auf direkte Aussagen unserer Kunden. Hier helfen uns unser weltweiter Direktvertrieb, die Hausmessen, enge Kontakte zu Kunden und Lieferanten sowie das ganze Beziehungsgeflecht innerhalb der Wirtschaft. Hier findet der Austausch zwischen den Maschinenbauern untereinander und mit wichtigen Zulieferern statt.

Was erwarten ihre Kunden?

Da ist querbeet alles dabei, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt – und zwar in Deutschland ebenso wie in Europa oder weltweit. Die einen Kunden haben ihre Auftragsbücher knallvoll und brauchen neue Maschinen. Andere sind gerade vorsichtig, weil es bei ihnen auffallend ruhig ist. Von Banken mag sich beim Kauf einer neuen Maschine aber keiner mehr abhängig machen.

Fahren Sie mit der Produktentwicklung ebenfalls auf Sicht?

Da denken wir ohnehin antizyklisch. Wir haben noch nie eine Entwicklung abgebrochen. Hermle ist zwar eine Aktiengesellschaft, aber dennoch ein typischer mittelständischer Familienbetrieb. Wir beschließen Themen und geben Entwicklungen mit mittlerer und langfristiger Strategie vor. Das ist von der Geschäftsentwicklung abgekoppelt. Auf Sicht fahren wir ausschließlich bei der Produktion. Es kann natürlich sein, dass ein fertiges Produkt nicht an den Markt geht, weil wir der Meinung sind, dass es der falsche Zeitpunkt für eine Markteinführung wäre. Dann kommt es eben später.

In welche Richtung werden Hermles Entwicklungen in den nächsten Jahren gehen?

Das werde ich Ihnen ganz sicher nicht sagen. Ihr Blatt ist so gut, dass es auch von unseren Wettbewerbern gelesen wird. Im Moment werden wir vor allem damit konfrontiert, dass Chinesen uns kopieren. Wir Deutschen tun ja alles dafür, dass die Chinesen bei uns auch bestens ausgebildet werden. Unsere Ex-Ministerin Schavan hatte nichts Besseres zu tun, als deutsche Professoren nach Shanghai zu transportieren, damit auch wirklich das Neueste aus unserer Forschung in Chinas Industrie ankam. Jetzt liefert China 1:1-Kopien aller unserer Maschinen. Das ist schlichtweg Diebstahl, der stärker bekämpft werden muss. Unsere Politik hat Geheimnisse aus dem Fünf-Achs-Bereich nach China transferiert. Wissenschaftler haben an einem ausländischen Lehrstuhl unterrichtet, ohne dass für den Endverbleib unterschieben worden wäre. Wenn wir Produkte mit genau diesem Know-how exportieren wollen, müssen wir durch ein teilweise schikanöses Genehmigungsverfahren. Nun wurden Technologien, die wir selber nicht exportieren dürfen, von in Deutschland ausgebildeten Ingenieuren und Technikern kopiert und dann hemmungslos in den Rest der Welt geliefert.

Bei Ihrer Hybridtechnologie MPA verkaufen Sie keine Maschinen, sondern Dienstleistungen. Wovor hatten Sie mehr Angst: vor überforderten Anwendern oder davor kopiert zu werden?

Vor beidem. Die Maschine hat enorm hohe Herstellkosten und damit einen sehr hohen Verkaufspreis. Wir glauben nicht, dass ein einzelner Kunde genügend Volumen hat, um so eine Maschine kostengünstig betreiben zu können. Natürlich spielt auch das Nachahmungsthema eine Rolle. Wir sind relativ sicher, dass eine der ersten Maschinen, die wir verkaufen, auf Umwegen in China landen würde.

Welches ist Ihre aktuelle Lieblingsmaschine?

Ganz klar die C60 mit dem Palettenwechsler PW3000.

Wird es von Hermle noch größere Maschinen jenseits der C60 geben?

Eine Maschine oberhalb der C60 möchte ich nicht ausschließen, die kann kommen. Hier ist die Frage, ob unsere Kunden so eine Maschine wollen und brauchen. Daneben ist auch entscheidend, ob wir so eine Maschine in ausreichender Stückzahl bauen können, denn wir sind kein Sondermaschinenbauer. Eine dritte Frage ist, an welchem Standort man so eine Maschine bauen kann.

Stellen Sie etwa den Standort Gosheim in Frage?

Die Standortentwicklung ist immer ein spannendes Thema. Die Frage ist, an welchem Standort sich ein Unternehmen sich langfristig halten kann. Es bedarf einer entsprechenden Infrastruktur, um den Standort weiterzuentwickeln. Da haben wir hier momentan gewisse Probleme, da die Infrastruktur nicht mehr stimmt. Wir verlangen, dass unsere Mitarbeiter eine vernünftige Grundversorgung haben, dass die Ärzteversorgung stimmt, dass Einkaufsmöglichkeiten bestehen, dass es Kindertagesstätten gibt und so weiter. Da treten wir auch durchaus etwas großkotzig auf. Wir erwarten, dass die Verwaltung, die Steuern von uns einnimmt, dafür etwas leistet. Wenn da nichts geschieht, können wir den Steuerhahn auch zudrehen. Wir beobachten sehr aufmerksam, wo ein Potenzial ist und wo wir lang- und mittelfristig genügend Mitarbeiter bekommen, um das Unternehmen weiterentwickeln zu können.

Nach allem, was Sie hier investiert haben, ist schwer vorstellbar, dass Hermle mit Sack und Pack wegzieht.

Richtig. Wir werden mit Sicherheit niemals die bestehenden Arbeitsplätze in Frage stellen. Das wäre ungut für die Mitarbeiter, die sich auf Hermle verlassen haben.

Vita

Dietmar Hermle (60) ist seit 1990 Mitglied des Vorstands und seit 1993 Sprecher des Vorstands der Maschinenfabrik Berthold Hermle AG in Gosheim.

  • Bild 1: Interview / Hermle

    Bild 1: Interview / Hermle

  • »Also wenn das jetzt eine Krise ist, dann hoffe ich, dass sie möglichst lange anhält.« Dietmar Hermle, Sprecher des Vorstands der Berthold Hermle AG

    »Also wenn das jetzt eine Krise ist, dann hoffe ich, dass sie möglichst lange anhält.« Dietmar Hermle, Sprecher des Vorstands der Berthold Hermle AG

  • Bild 3: Interview / Hermle

    Bild 3: Interview / Hermle

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Unternehmensinformation

Berthold Hermle AG Maschinenfabrik

Industriestraße 8-12
DE 78559 Gosheim
Tel.: 07426-95-0
Fax: -6109

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