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maschine+werkzeug 06/2012

Interview - Handtmann

»Mit der kleinen Maschine sind wir in einem ­Haifischbecken voller Hersteller.«

Interview - Auf der AMB 2012 wird Handtmann ihr neues Horizontal-Bearbeitungszentrum HBZ Trunnion 80 vorstellen. Andreas Podiebrad, Geschäftsführer, und Dipl.-Ing. Wolfgang Ziemann, Vertriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung, erörtern die Produktneuheiten und geben einen Ausblick in die Zukunft.

Bild 1: Interview - Handtmann

Welche Erwartungen haben Sie für die AMB 2012?

Ziemann: Wir werden das Horizontal-Bearbeitungszentrum HBZ Trunnion vorstellen. Die Maschine hat einen Schwenktisch mit optionaler Drehfunktion. Was die Werkstückgröße angeht, haben wir uns weiter nach unten erweitert. Die Tische der Maschinen der Baureihe HBZ Trunnion haben die Durchmesser von 800, 1200 oder 1600 mm.

Ist dieses Maschinenkonzept völlig neu für Handtmann?

Podiebrad: Das ist für uns eine revolutionäre Veränderung, es ist die erste Schwenkrundeinheit, die wir im Konzept haben, und der erste Tisch mit einem Durchmesser von nur 800 mm. Mit der kleinen Maschine sind wir in einem Haifischbecken voller Hersteller.

Ziemann: Wir wollen die Vorteile und vor allem unsere Erfahrungen in der Horizontal-Bearbeitung nutzen und das Werkstück-Spektrum erweitern. Erstens von der Größe her, zweitens von den Bearbeitungsmöglichkeiten. Und natürlich auch bei den Werkstoffen. Zudem wollen wir andere Branchen erreichen. In der Vergangenheit lag unser Fokus auf dem Aerospace-Sektor. Mit den größeren Maschinen waren wir teilweise im Modell- und Formenbau tätig. Die neue Maschine gibt uns nun die Möglichkeit, zudem im Automotive in den Bereich der Produktion zu gehen sowie die Branchen Modell-, Formen- und Werkzeugbau als auch Energietechnik und Aerospace verstärkt zu bearbeiten.

Haben Ihre Kunden nach einer Maschine wie der Trunnion verlangt?

Podiebrad: Wir haben uns die vergangenen zwei Jahre intensiv mit dem Benchmark beschäftigt, zudem haben wir unsere Kunden im Luftfahrt-Bereich befragt, aber auch Kunden aus dem Modell- und Formenbau, dem Automotive-Bereich und dem Werkzeugbau. Wir haben all diese Informationen mit einfließen lassen. Es wird eine Aluminium-Variante mit einer leistungsstarken Spindel geben, um große Zerspan-Volumina zu generieren. Außerdem wird es die Variante für Stahl- und Titanbearbeitung mit einer langsamer laufenden Spindel und hohem Drehmoment geben. Keine Maschine am Markt hat eine so leistungsfähige Spindel in dieser Größe und Kompaktheit. Das große Manko anderer Maschinen ist die Spanabfuhr. Wir haben das Maschinengestell von Anfang an auf eine hohe Spindelleistung und das daraus resultierende große Spänevolumen ausgelegt.

Bei den Maschinen ist also alles so umgesetzt, wie die Kunden es in Ihren Umfragen gewünscht haben?

Podiebrad: Weitestgehend. Bei allem tut man sich schwer. Man kann keine High-End-Lösung zum niedrigsten Preis anbieten. Wir haben aber versucht, das Maschinen-Konzept sehr breit aufzustellen. Es gibt eine Einstiegslösung und verschiedene Ausstattungsoptionen, zum Beispiel die Drehoption oder das Dynamik-Paket, bei dem höhere Beschleunigungen und höhere Achsvorschübe gefahren werden. Es gibt Paletten-Lösungen, da das Thema Automatisierung und Reduzierung von Nebenzeiten extrem wichtig ist.

Ihre Stammkunden fertigen häufig in kleinen Losgrößen. Denkt man da gleich an Automation?

Ziemann: Auch Modell- und Formenbauer achten jetzt darauf, dass sie vorrüsten können und möglichst viel Spindelnutzung bekommen. Nur die Spindel, die dreht und Späne macht, verdient auch Geld. Es gibt verschiedene Varianten, die man individuell zuschneiden kann. Aber die Möglichkeit zur Automation ist von vornherein mit konstruiert.

Kamen Ihnen bei der Konstruktion der kleinen Maschinen die Erfahrungen der ›Großen‹ zu Gute?

Podiebrad: Ja, vor allem bei den extrem hohen Spindelleistungen. Darauf hatten unsere Ingenieure schon immer ein großes Augenmerk. Beim Einsatz einer 81-kW-Spindel ist es wichtig, die heißen Späne schnell abzutransportieren. Die starke Spindel in der Kombination mit der Horizontal-Bearbeitung ist einmalig. In der Luftfahrt ist die Horizontal-Bearbeitung heute Usus. Wir sehen aber die Vorteile gerade auch in den anderen Branchen. Dennoch werden wir sicher die ersten Maschinen relativ schnell in die Luftfahrt verkaufen. Dort kennt man uns, das ist unsere Kernkompetenz. Wir machen über 90 Prozent unseres Umsatzes in diesem Bereich.

Das nächste große Ziel ist also Automotive?

Podiebrad: Den Bereich wollen wir ausbauen, das stimmt. Unser Ziel ist langfristig, neben der Luftfahrtindustrie ein zweites Standbein zu entwickeln. Der Begriff Automotive ist sehr weit, da gehören der Modell-, Formen- und Werkzeugbau dazu, aber die Maschine ist durchaus auch für die Serienfertigung geeignet. Hier können wir auf die Erfahrungen des Handtmann-Metallgusswerkes in Biberach zurückgreifen, das am Tag über 100000 Teile für die Automobilindustrie produziert.

Kommen sich Automotive und Aerospace näher?

Podiebrad: Ja, gerade bei den Strukturteilen. Im Luftfahrtbereich hat man früher die vielen kleinen Knotenbleche genietet, heute gibt es größere Verbindungen. Gerade im Bereich der Kohlefaser- oder Titanentwicklung hat sich die Anzahl der Teile im Flugzeug deutlich reduziert, dafür sind die Werkstücke größer und komplexer geworden. Den gleichen Trend sehen wir im Automobilbereich. Hier gibt es Teile, die ideal auf unsere Maschinen passen.

Wie verändern sich die Materialien?

Ziemann: Im Automobilbereich wird zunehmend Magnesium für Strukturteile eingesetzt. BMW fängt verstärkt an, Karbonfaserteile herzuziehen. Bei den Flugzeugbauern hat sich eher wieder die Alu-Welt konsolidiert. Die Anfangs-Euphorie mit Karbonfaser ist ein bisschen zum Stillstand gekommen, einfach weil es ein sehr komplexer Prozess ist. Man versucht nun mit Aluminium-Lithium-Legierungen wieder Gewicht zu reduzieren und der Prozess ist besser beherrschbar.

Was bedeuten diese neuen Aluminium-Legierungen für die Zerspanung?

Ziemann: Durch die Konkurrenz zu Composite wird die Forderung nach Gewichtsreduzierung stärker und dementsprechend werden mehr Aluminium-Lithium-Teile eingesetzt. Die Zerspanung ist ähnlich wie bei den bisherigen Aluminium-Legierungen. Durch den Lithium-Anteil ist sie ein bisschen abrasiver, was zu einem höheren Werkzeugverschleiß führt.

Wie sind sie im Bereich Composites aufgestellt?

Ziemann: Die HBZ Compactcell ist eine Maschine, auf der man Composites oder Aluminium bearbeiten kann. Die Gantry-Baureihe, sowie die PBZ- und UBZ-Baureihe sind für Aluminium, Stahl oder Composite ausgelegt. Hier gibt es zwei Philosophien: Trocken- oder Nassbearbeitung. Die großen Hersteller wie Boeing und Airbus setzen dabei an verschiedenen Standorten auf beide oder auch nur eine Variante. Wir sind mit Absauganlagen bei der Trockenbearbeitung oder mit Kühl-/Schmierstoffanlagen für die Nassbearbeitung zugange. Wir bieten ein weites Spektrum an. Die Formel 1 macht’s vor mit Composite-Bauteilen in den Rennautos, dann fängt man langsam an es in den exklusiveren Fahrzeugen einzubauen. Und irgendwann ist die Geschichte serienreif.

Gibt es noch weitere Branchen, die sich für die kleineren Maschinen anbieten?

Podiebrad: Der allgemeine Maschinenbau. Zum Beispiel bei Herstellung von Gehäusen von Elektromotoren und Turbinenschaufeln oder im Bereich der Hydroenergie gibt es Einsatzmöglichkeiten für die Maschinen-Baureihe.

Konzentriert sich Handtmann nun ganz auf Standardmaschinen?

Podiebrad: Die Anlaufkurve unserer HBZ Comapctcell war deutlich besser, als wir erhofft haben. Uns tut es als Unternehmen sehr gut, ein gewisses Standardmaschinen-Konzept zu fertigen. Wir können so kontinuierlich Umsatz generieren und eine gewisse Grundauslastung erreichen. Wir wollen aber trotzdem auch in Zukunft richtig große Maschinen, die ja zum Teil über 50 Meter lang sind, liefern.

Welche Aussichten haben Sie für die Zukunft?

Podiebrad: Wir haben dieses Jahr ein sehr gutes Jahr, sind aber mit Prognosen vorsichtig geworden. Unser Exportanteil liegt bei 85 Prozent. Im Moment entwickelt sich Asien sehr gut für uns. Im Bereich Luftfahrtindustrie werden neue Firmen gegründet und Fertigungsbetriebe verlagert. Wir profitieren davon, egal ob das jetzt in Korea oder China ist.

Wie entwickelt sich der russische Markt?

Podiebrad: Russland ist nach wie vor ein wichtiger Markt für uns. Russland hat sich vor der Krise extrem stark entwickelt. Da konnte nicht gleichzeitig auch noch Asien mit hochziehen. Inzwischen haben wir Niederlassungen in Novosibirsk und in Moskau gegründet. Jetzt läuft es stabil, wir machen wir unsere Umsätze, unsere zwei Service-Niederlassungen sind etabliert. Als nächsten Schritt leisten wir Service in Asien. Wir gehen Land für Land respektive Kontinent für Kontinent an. Zudem ist es jetzt strategisch ein wichtiger Schritt, verstärkt auf andere Branchen zuzugehen.

www.maschinewerkzeug.de/121167

Vita

Der gelernte Industriemechaniker Andreas Podiebrad kam nach seinem Maschinenbau-Studium 1994 in den Bereich Anwendungstechnik zu Handtmann A-Punkt Automation. Später übernahm er die Technische Leitung und ist seit 1998 Geschäftsführer.

Wolfgang Ziemann trat nach seinem Maschinenbau-Studium 1988 in die Abteilung Konstruktion bei Handtmann ein und studierte berufsbegleitend Betriebswirtschaft. Nach mehreren Stationen im Unternehmen ist er seit 2004 Vertriebsleiter mit Prokura und verantwortlich für den Maschinenverkauf weltweit.

Weiterführemder Artikel:

HBZ Trunnion 80 – High Performance Cutting auf 800 mm (www.maschinewerkzeug.de/121167)

Unternehmensinformation

Handtmann A-Punkt Automation GmbH

Eisenbahnstr. 17
DE 88255 Baienfurt
Tel.: 0751-5079-925
Fax: 0751-5079-842

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