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maschine+werkzeug 09/2009

»Ich liebe deutsche Autos und deutsche Maschinen. Meistens reicht aber eine Haas«

Maschinen

Interview Maschinen und Autos sind die Welt von Peter Hall. Der Europa-Chef des US-Herstellers Haas verliert trotz Zukunftsvisionen auch das Tagesgeschäft nicht aus den Augen.

Mister Hall, was bewegt Sie?

Wir sehen deutlich, dass die ganze Welt Technologien umstellt. Die Finanzkrise wird vorübergehen, aber die Umstellung der Technologie bleibt bestehen. Wir werden völlig neue Produkte haben, bekommen eine neue Energieversorgung, andere Transportsysteme und so weiter. Für die Werkzeugmaschinenindustrie ist das ein Problem, aber auch eine Herausforderung, denn damit tun sich neue Möglichkeiten auf. Hier ist eine dritte industrielle Revolution im Gange, welche die Werkzeugmaschinenindustrie direkt trifft.

Wie kann sich die Industrie darauf einstellen?

Da muss man bei den Produkten anfangen. Automotive ist der größte Industriezweig der Welt. Wenn da statt großen Verbrennungsmotoren künftig kleine Hybridantriebe kommen, fällt ein großer Teil der heutigen Produktion einfach weg. Aber dafür kommt etwas Neues, für das andere Werkzeugmaschinen gebraucht werden. Hier verschiebt sich die Nachfrage. Bei kleinen Firmen ist das heute schon so, dass sich die Anforderungen alle paar Jahre ändern und sie sich darauf einstellen müssen.

Allein auf dem Energiesektor geht die Entwicklung in sehr viele Richtungen, die alle ihre eigenen Anforderungen haben. Auch in anderen Bereichen kommen neue oder völlig veränderte Produkte. Die Werkzeugmaschinenindustrie ist die Mutter aller Industriezweige. Sie muss all diese neuen Industrien unterstützen. Daher sehe ich für unsere Branche eine sehr gute Zukunft. Nur braucht man in Detroit eben keine neuen Monstermotoren zu bauen, das ist vorbei. Europa ist da schon weiter.

Wie abhängig ist Haas von der Automobilbranche?

Zu unserer Kundschaft gehören Zulieferer, vorzugsweise kleine und mittlere Firmen. Da sind preiswerte Maschinen und guter Service gefragt. Hoch automatisierte Maschinen, wie sie die Automobilhersteller benötigen, sind nicht unser Geschäft. Flexibel und leicht zu bedienen – das ist Haas.

Weltweit laufen schätzungsweise 80 Prozent aller Spindeln bei den kleinen und mittelständischen Firmen. Den typischen Haas-Kunden gibt es nicht. Das geht quer durch alle Branchen. Es gibt dabei keine zwei Firmen, die gleich sind. Ich bin immer wieder überrascht, was mit unseren Maschinen alles gemacht wird.

Haas muss sich also nicht nach neuen Geschäftsfeldern umsehen?

Auch in Deutschland haben 80 Prozent aller Firmen weniger als 50 Mitarbeiter. Das ist unser Markt. Natürlich hat unsere Konkurrenz wahre Wunderwerke von Maschinen, die wirklich alles können. Ich schätze diese Maschinen und diese Firmen sehr. Ich bin seit über 40 Jahren in dieser Industrie und liebe solche Maschinen, das sind Kunstwerke. Die meisten Anwender brauchen so etwas aber nicht. Für sie reicht eine Haas. Wie viele Leute fahren denn einen Lamborghini, Ferrari oder Porsche? Der Großteil fährt eine andere Marke. Und genau so sieht auch unser Markt bei den Maschinen aus.

Überlassen Sie es Ihren Kunden, neue Märkte zu suchen?

Ein Computerhersteller denkt ja auch nicht über das Geschäft seiner Kunden nach, sondern liefert Standard-Produkte, die überall verkauft werden. Auch wir stellen Standardprodukte in großen Stückzahlen her. Kataloge und Preise sind im Internet verfügbar. Aber man sollte Haas nicht unterschätzen: Diese Maschinen können fast alles machen. Die 80:20-Regel gilt auch hier: Gut 80 Prozent aller gefrästen Teile können mit zweieinhalb Achsen gefräst werden.

Gene Haas ist der Henry Ford des Maschinenbaus. Er hat hier gute Standardprodukte verfügbar gemacht, ohne Spielerei. Unsere Industrie muss sich entwickeln wie die Computerindustrie und permanent leistungsfähiger und kostengünstiger werden.

Ihre Konkurrenz …

Welche Konkurrenz denn? In unserer Art, Maschinen herzustellen gibt es keine vergleichbare Firma. Auf der EMO werden wir wieder sehen, dass es auf der Welt phantastische Maschinen gibt. Haas ist da nur in einer Nische. Die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie ist ein Wunder. Ich bin ein Fan von deutschen Maschinen. Wir würden nie behaupten, die absolut besten Maschinen zu haben. Aber in unserer Marktnische haben wir das beste Preis-Leistungs-Service-Verhältnis.

Aber auch bei Haas stockt der Verkauf.

In einem normalen Geschäftsjahr verkaufen wir über 15000 Maschinen. Im Moment haben wir ein Minus von über 60 Prozent. Haas macht aber noch keinen Verlust. Wir könnten in diesem Zustand der Krise noch 100 Jahre ausdauern. Das heißt, wir haben unsere Kosten unter Kontrolle und wir können die Nase über Wasser halten. Wer kann das zurzeit schon sagen? Aber es macht natürlich keinen Spaß, einfach nur auf null zu bleiben.

Haben Sie Strategien, um wieder mehr Spaß zu bekommen?

Wie viele andere haben wir im Moment gute Maschinen auf Lager, da der Stopp sehr schnell kam. Vom Beginn der Produktion in den USA bis die Maschine in Europa ins Lager kommt, vergehen bis zu drei Monate. Den Stopp konnten wir nicht einplanen. Wir haben dann große Nachlässe auf Lagermaschinen gegeben, um die Maschinen wegzubringen. Unser normales Geschäft läuft aber unvermindert weiter und im unserem Werk in Oxnard nutzt man die Zeit, um neue Modelle herauszubringen.

Listenpreise gibt es nur bei Haas. Es ist schwer einzuschätzen, wovon andere Hersteller ausgehen, wenn sie Rabatte von 50 Prozent und mehr anbieten. Rabatte in unserem Geschäft sind eine Krankheit, dann das sagt doch den Kunden, dass man keine ehrlichen Preise hat. Wir haben Nachlässe nur wegen der Krise gegeben, um zu vermeiden, dass Hunderte Maschinen ein Jahr lang am Lager bleiben. Nach dem Lagerverkauf gelten aber unsere Standardpreise wieder.

Was bringt Haas Neues zur EMO in Mailand?

Wir zeigen eine sehr interessante kleine Maschine, die auch wieder ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis hat, die DT-1. Das ist eine blitzschnelle Leichtmaschine zum Fräsen, Bohren und Gewindebohren, die mit 20 Magazinplätzen ausgestattet ist.

Außerdem beginnen wir mit einer neuen Serie von Drehmaschinen, die auf der EMO in Mailand schon gezeigt, aber erst Mitte des nächsten Jahres ausgeliefert wird. Circa 35 Prozent unserer Produktion sind Drehmaschinen. Wir haben uns nun entschieden, in diesem Bereich eine ganz neue Serie auf den Markt zu bringen, die mehr Leistung hat. Das erste Modell ist die ST-30. Die ganze Serie haben wir gegenüber unseren bisherigen Maschinen verbessert und erweitert.

Deutsche Autos sind für mich die besten Autos auf der Welt. Damit vergleichen wir uns gerne. Es gibt hier keine riesigen Sprünge im Design, die machen nur schrittweise Verbesserungen. Das ist auch unsere Art mit den Maschinen: wir erweitern und verbessern immer wieder und überarbeiten ständig alle Details.

www.haascnc.com

Vita

Peter Hall ist seit 40 Jahren im Werkzeugmaschinengeschäft. Nach einer Lehre zum Maschinenschlosser absolvierte er an der University of Manchester sein Ingenieurstudium. Ab 1972 arbeitete Peter Hall mit den weltweit ersten CNC-Maschinen, die von Kearney und Trecker Inc., USA, entwickelt wurden. 1977 bis 1985 war der gebürtige Engländer Geschäftsführer von Kearney & Trecker in Deutschland.

Bei Haas Automation war er weltweiter Verkaufsleiters, bis ihm 2003 der Aufbau der europäischen Zentrale in Brüssel übertragen wurde. Wie Gene Haas hat Peter Hall neben dem Interesse für Werkzeugmaschinen ein Faible für schnelle Autos.

  • Bild 1: »Ich liebe deutsche Autos und deutsche Maschinen. Meistens reicht aber eine Haas«

    Bild 1: »Ich liebe deutsche Autos und deutsche Maschinen. Meistens reicht aber eine Haas«

  • »Wir könnten in diesem Zustand der Krise noch 100 Jahre ausdauern. Aber es macht natürlich keinen Spaß, einfach nur auf null zu bleiben.« Peter Hall, Geschäftsführer Haas Automation Europe

    »Wir könnten in diesem Zustand der Krise noch 100 Jahre ausdauern. Aber es macht natürlich keinen Spaß, einfach nur auf null zu bleiben.« Peter Hall, Geschäftsführer Haas Automation Europe

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Unternehmensinformation

Haas Automation Europe NV

Mercuriusstraat 28
BE 1930 ZAVENTEM
Tel.: 00322-522-9905
Fax: -5230855

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