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maschine+werkzeug 02/2014

»Gutes Design verbessert die Funktion eines Produkts. Falls es das nicht tut, ist es Kosmetik.«

Perspektive - Interview

Interview - Der Designer Dominic Schindler bereichert den Maschinenbau seit einigen Jahren mit Kreativität. Im Gespräch gibt er Einblicke in seine Arbeitsweise und beschreibt, was gutes Design leisten kann.

Bild 1: »Gutes Design verbessert die Funktion eines Produkts. Falls es das nicht tut, ist es Kosmetik.«

Herr Schindler, wird Design im Umfeld des Maschinenbaus wichtiger?

Dessen bin ich mir absolut sicher. Bei Design geht es nicht nur um Farbe und Form, sondern darum, ein funktional besseres Produkt und Erlebnis für die Bediener zu entwickeln. Deshalb sprechen wir auch gerne von ›Experience Design‹.

War DMG Mori für Sie der Anfang im Maschinenbau?

Ja, damit haben wir vor sechs Jahren begonnen. Mein persönlicher Hintergrund ist ja ein ganz anderer. Ich bin am Bodensee in Österreich aufgewachsen. Damals dachten noch alle, dass ich eines Tage meinen Lebensunterhalt mit Sport verdienen würde. Ich war Landesmeister im Snowboarden und sehr erfolgreich im Wasserski. Doch ich hatte mir damals eingebildet, in Florenz italienische Literatur studieren zu müssen. Das habe ich schnell wieder aufgegeben und stattdessen angefangen für den italienischen Designer Matteo Thun zu arbeiten. Dieser Weg brachte mir früher schon das Design für Werkzeugmaschinen näher. Nach dem Designstudium in Paris und New York hat mir der Aufenthalt an der Harvard Business School mit ihrem Bezug zur Realität sehr geholfen. Wir fragen uns nicht, wie wir das beste Design machen, sondern wie wir das beste Design für den Kunden machen können.

Was macht dabei den Unterschied aus?

Gutes Design verbessert die Funktion eines Produktes. Falls es das nicht tut, ist es Kosmetik, was viele fälschlicher Weise als Design bezeichnen. Über die Tür ›Design‹ schaffen wir es, funktionelle Lösungen und Verbesserungen in ein Produkt einzubringen. Wir entwickeln ein Produkt so, wie es auch ein Ingenieur tun würde. Doch ein Ingenieur hat von Anfang an gelernt, rational zu denken. Im Unterschied dazu denken wir Designer emotional. Ein Ingenieur alleine kann auf gewisse Lösungen gar nicht kommen, weil ihm diese Sichtweise oft fehlt.

Was wäre denn eine emotionale Lösung?

Viele Maschinenbauer haben lange das Thema der Bedienpulte und Bedienoberflächen sträflich vernachlässigt. DMG Mori hat hier bereits seit vielen Jahren mit der Ergoline Control neue Maßstäbe gesetzt und jüngst zur EMO mit der neuen Ergoline-Control-Generation und vor allem mit dem Celos zur Interaktion zwischen Bediener und Maschine einerseits sowie zwischen Maschine und übergeordneten Netzwerken andererseits imposant nachgelegt. Nicht nur das Look & Feel sondern vor allem die Entwicklung der Logik war das eigentliche Kunststück bei der Entstehung von Celos. In unserem Haus sind zwei Abteilungen. Die eine ist das klassische Industriedesign, die andere das Interaction Design. Sie geht der Frage nach, wie der Mensch am schnellsten und einfachsten mit einem Produkt interagieren kann, die interaktive Bedienerführung.

Was kann diese Lösung mehr als andere?

Die Menschen lieben Celos, weil sie das Gefühl haben, es ist einfacher zugänglich und leichter zu bedienen. Das ist ein echter Mehrwert. Besonders im Maschinenbau denkt man immer noch sehr oft, dass ein Mehrwert daraus resultiert, die Technik effizienter und billiger zu machen. Tatsächlich ist aber die Emotionalität, wie ich ein Produkt durch Celos interaktiv bedienen kann, nicht zu unterschätzen.

Wie durchbricht man mit einer Steuerung alte Gewohnheiten?

Der Erfahrungswert eines Bedieners ist ein wichtiges Thema. Was objektiv besser ist, kann subjektiv für den Bediener schlechter sein, weil er anderes gewohnt ist. Bei Celos sind wir von einem User ausgegangen, der ohnehin täglich von elektronischen Geräten umgeben ist. Smartphones, Tablets, Fernseher und Bordsysteme im Auto sind allgegenwärtig. Im privaten Bereich haben wir schon eine bessere Bedienphilosophie, da ist der Sprung auf Celos nicht mehr groß. Es ist unglaublich, dass man im privaten Bereich von der neuesten und besten Technologie umgeben ist und es dann in der Arbeit, wo ich einen großen Teil meines Lebens verbringe, mit einer veralteten Bedienerlogik zu tun hat. Das darf nicht sein!

Wie finden Sie neue Lösungen?

Gute Designer haben die Fähigkeit, die Zukunft der Produktentwicklung ein wenig vorauszusagen. Als Designer ist man ein extrem emotionaler Mensch und nimmt mit feinen Antennen seine Umwelt auf. Die meisten Dinge liegen in der Luft. Deswegen sind klassische Kundenbefragungen für eine visionäre Produktentwicklung auch nicht immer maßgebend. Oft weiß ein klassischer Bediener nicht, was technisch möglich sein könnte, und sagt einem nur das, was er momentan kennt.

Was machen Sie stattdessen? Dem User zusehen?

Ja klar, wir schauen dem Anwender in der Tat über die Schulter – und zwar nicht nur dem erfahrenen Power User, sondern vor allem auch der neuen Generation. Die Industrie hat große Probleme, erfahrene Maschinenführer zu finden. Die Frage ist also, wie man den Nachwuchs oder eher ungelernte Mitarbeiter zu Maschinenbedienern macht.

Das dürfte auch für bestimmte Auslandsmärkte interessant sein.

Wir haben bisher immer einen guten Ansatz gefunden, alle Welten unter einen Hut zu bringen.

Wie haben Sie dafür recherchiert?

Schlussendlich kommt es immer ein bisschen auf die Intuition an. Wir haben inzwischen über 40 Mitarbeiter an zwei Standorten am Bodensee und am Züricher See. Sie kommen aus 17 verschiedenen Ländern, haben jeweils einen kulturell und sozial unterschiedlichen Background und verfügen über unterschiedliche Ausbildungen. Da sind Ingenieure ebenso dabei wie Künstler. Der Mix dieser unterschiedlichen Erfahrungen macht es wohl aus. Wir würfeln Teams bewusst so zusammen, dass individuelle Stärken hervorgehoben werden.

Was zeichnet Ihr Design aus? Gibt es da typische Elemente, die für Dominic Schindler stehen?

Nein. Wir möchten nicht jedem Produkt einen Stempel aufdrücken. Wenn uns etwas auszeichnet, dann die Einstellung, dass wir Design nicht als Selbstzweck sehen, sondern als Verbesserung für den Bediener.

Was haben Sie schon verbessert?

Ein Beispiel ist der Smart Key für Maschinen. Stellen sie sich mal vor: Da kauft ein Unternehmen eine Maschine für mehrere Hunderttausend Euro und bekommt dafür einen Schlüssel, der die Wertigkeit eines Briefkastenschlüssels hat. Jeder billige Kleinwagen hat heute einen höherwertigen Schlüssel. Mit dem Smart Key wurde erstmals auch eine benutzerorientierte Bedienung möglich. Mit der Vergabe verschiedener Rechte per individuellem Schlüssel lässt sich so mancher Crash vermeiden und damit viel Geld sparen.

Manchmal sind es also die kleinen Dinge ...

So ist es. Genauso wie rausgefunden wurde, dass der Platz und die Anzahl der Becherhalter im Auto überproportional kaufentscheidend sind.

Welche Produkte aus der Branche tragen Ihre Handschrift?

In dieser Branche arbeiten wir unter anderen für DMG Mori, Röhm, Lehmann, Bystronic, Fette Compacting, Kasto, Kessler und United Grinding.

Spart man mit gutem Design Geld?

Wenn man Design so versteht, dass man von vorgegebener Technik und Funktionalität ausgeht und nur etwas drum herum bauen soll, dann ist Design immer teurer. Das ist schlechtes Design. Der Designer muss auch auf die Logik, Abläufe und Funktion Einfluss nehmen können.

Muss man bei Industriegütern nicht darauf achten, dass sie nach zwei Jahren nicht schon alt aussehen?

Ja sicher. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Im Durchschnitt muss man von etwa 20 Jahren Einsatzdauer ausgehen. Weil unsere Welt etwas schneller geworden ist, könnte der Wert in nächster Zeit etwas sinken. Mit Materialqualitäten und Oberflächen richten wir unsere Produkte auf die lange Lebenszeit aus. Man versucht natürlich, gerade bei Investitionsgütern nicht allzu viel Schick einzubringen.

Dafür sehen die DMG-Mori-Maschinen aber reichlich schick aus.

Nun ja, ein Industriegut darf schon schick aussehen, aber nicht modisch. Ganz vermeiden lässt sich das natürlich nie. Man kann auch im Maschinenbau von Generation zu Generation etwas Neues einbringen, ohne dabei die Wurzeln zu vergessen. Porsche macht das im Automobilbau mit dem 911er vor.

Woran arbeiten Sie gerade?

Wir übergeben pro Jahr über 600 Projekte an unsere Partner. Deswegen arbeiten wir an sehr vielen Themen gleichzeitig. Unter anderem arbeiten wir verstärkt an der verbesserten Logik und dem Aufbau der Bedienung – sprich Interaction Design.

Das sind große, aber nüchterne Zahlen. Wo sind gerade Ihre Emotionen?

Das sind Dinge, mit denen wir Fußspuren hinterlassen und sehen, wir verbessern die Welt um ein kleines bisschen. Ich habe zwar als Möbeldesigner begonnen, werde aber sicher keinen neuen Stuhl entwerfen – davon gibt es schon genug. Mir macht es mehr Spaß, extrem tief in eine Produktentwicklung eingebunden zu sein und Produkte von Grund auf besser zu machen. In den nächsten zwei Jahren werden wir da noch viel sehen.


Inhaltsverzeichnis
  • 1: »Gutes Design verbessert die Funktion eines Produkts. Falls es das nicht tut, ist es Kosmetik.«
  • 2: Vita
Weiterführende Information
Unternehmensinformation

Dominic Schindler Creations GmbH

Bregenzer Str. 51
AT 6900 Lochau
Tel.: 0043 5574-66114
Fax: -28

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