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10.01.2020

Taiwan setzt auf smarte Maschinen

In Taiwan hat die Werkzeugmaschinenbranche mit ganz ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen wie in Deutschland: Es herrscht Kundenskepsis gegenüber der Datensicherheit bei Industrie 4.0 und die Konjunktur ist aufgrund des größten Absatzmarktes China schwach. Wie die Hersteller dem begegnen, erklärten Jeff Chan von Tongtai, Giovanni Yueh von YCM und Brad Wang von CHMER auf der EMO.

  • Giovanni Yueh, Sales Manager von YCM Europe

    »Aus Big Data müssen Smart Data werden.«

    YCM wurde 1954 in Taichung gegründet. Die Bearbeitungszentren sind für ihre Präzision, Zuverlässigkeit und Steifigkeit bekannt. Derzeit hat das Unternehmen rund 1.000 Mitarbeiter. Auf der EMO präsentierte YCM smarte Fertigungslösungen und sein vertikales Fünf-Achs-Bearbeitungszentrum für komplexe Teile. Giovanni Yueh, Sales Manager von YCM Europe, erklärt die technischen Details.

    Herr Yueh, was zeichnet das neue Fünf-Achs-Bearbeitungszentrum aus?

    Die ›YCM NFX400A‹ hilft vom Schruppen bis zum Schlichten, die Rüst- und die Durchlaufzeit zu verkürzen. Das Fünf-Achs-Bearbeitungszentrum ist mit einer IDD-Plus-Spindel mit einer Drehzahl von 12.000 min-1 und hochpräzisen, linearen Führungsbahnen ausgestattet. Die Maschine verfügt über Verfahrwege von 650 mal 520 mal 480 Millimeter und eine Vorschubgeschwindigkeit von 10.000 Millimetern pro Minute. Mit ihrem 400 Millimeter Durchmesser großen Rundtisch kann sie Werkstücke bis 200 Kilogramm aufnehmen. Der Arbeitstisch ermöglicht darüber hinaus komplexe Bearbeitungen in der Luftfahrtindustrie, der Medizintechnik und der Automobilindustrie.

    Auf der EMO haben Sie auch Lösungen für eine vernetzte Fertigung vorgestellt. Wie machen Sie Ihre Maschinen smart?

    Wir integrieren in unsere Maschinen eine Vielzahl von Sensoren, die Daten erfassen. Wir haben auch eine Steuerung entwickelt, unsere ›Smart Box‹, die die Daten der verschiedenen Sensoren sammelt. Daraus können letztendlich Trends abgeleitet werden, sodass unsere Kunden jederzeit über den Zustand ihrer Maschinen Bescheid wissen und frühzeitig auf Probleme reagieren können.

    Ein großes Thema auf der EMO war die universelle Schnittstelle für Werkzeugmaschinen ›umati‹. Viele Hersteller wie DMG Mori und Mazak sind daran beteiligt. Haben Sie ähnliche Lösungen im Angebot?

    Es ist nicht nur wichtig, Daten zu sammeln. Aus Big Data müssen am Ende Smart Data werden. Zur Vernetzung sämtlicher Geräte in der Fertigung haben wir die IIoT-Plattform ›i-Direct‹ entwickelt. Das intelligente Produktionsmanagementsystem ermöglicht es, die Fertigung zu überwachen und zu optimieren. Wir können alle Maschinen miteinander verbinden und sämtliche Daten in der Cloud verwalten. Neben der Smart Box zum Sammeln der Daten haben wir auch noch die ›Dot Zero‹. Diese Sensorbox ist dazu da, um die Maschinendaten intelligent aufzubereiten.

    Wie sehen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage?

    Zurzeit herrscht eine große Unsicherheit wegen des Handelskrieges zwischen China und den USA. Einige Märkte, wie China, sind enorm eingebrochen. Das ist eine große Herausforderung. Aber da wir noch nie im Low-Cost-Bereich unterwegs waren, ist das für uns nicht ganz so schlimm. Unsere Strategie ist es, die länderspezifischen Märkte in der Waage zu halten, um nicht von einem Land zu sehr abhängig zu sein. Wir wollen nach wie vor einen guten Service bieten und unsere Kunden bestmöglich unterstützen.

    Wie sieht Ihre Strategie für Europa aus?

    In Europa gibt es zwei große Herausforderungen: den Fachkräftemangel und den Trend hin zu kleinen, variantenreichen Serien. Wir legen den Fokus auf Automatisierung, smarte Maschinen und Smart Management. Das ist sowohl beim Fachkräftemangel als auch bei der flexiblen Produktion der Schlüssel zum Erfolg und unsere Kunden können so wettbewerbsfähig bleiben.

    Wie wichtig ist für Sie der europäische und speziell der deutsche Markt?

    Wir haben vor 40 Jahren begonnen, auf den europäischen Markt zu gehen, also schon recht früh. Mittlerweile haben wir knapp 20 Händler vor Ort. In Europa sitzen etwa 20 Prozent unserer Kunden. Wir produzieren jährlich rund 2.000 Maschinen – davon gehen 100 bis 300 Maschinen nach Europa. In Deutschland haben wir seit 2017 ein Büro in Düsseldorf. Wir sehen hier auf jeden Fall Potenzial zu wachsen.

  • Jeff Chan, Sales & Marketing Department von Tongtai

    »Wir sind die einzigen in Taiwan, die 3D-Metalldruck einsetzen.«

    Zur TT Group (2.200 Mitarbeiter) gehören sechs Hersteller: Tongtai (820 Mitarbeiter), PCI-SCEMM/Frankreich, Anger Machining/Österreich, Apec/Taiwan, Honor/Taiwan und Quick-Tech/Taiwan. Tongtai ist einer der größten Maschinenbauer Taiwans. Das Unternehmen wurde 1969 in Kaohsiung gegründet; dessen Fertigung und Montage sind 2006 nach Taichung umgezogen. Im Interview gibt Jeff Chan, Sales & Marketing Department von Tongtai, einen Einblick ins Unternehmen.

    Wie sieht Ihr Produktspektrum aus?

    Wir haben ein sehr breites Spektrum. Wir stellen vertikale und horizontale Bearbeitungszentren, Multitasking-Maschinen, CNC-Maschinen, Drehmaschinen, Bohr- und Fräsmaschinen sowie Dreh-/Fräszentren her. Auch ultraschallunterstützte Bearbeitung, Laserbearbeitung und 3D-Drucker haben wir in unserer Fertigung. Tongtai ist das einzige Unternehmen in Taiwan, das additive Fertigung im Metallbereich einsetzt. Hier setzen wir auf die Pulverbettfusion. Und auch in Sachen Industrie 4.0 entwickeln wir einiges.

    Können Sie darauf genauer eingehen?

    Mit dem TLM(Tongtai-Line-Management)-System lassen sich Maschinen miteinander vernetzten. Durch die Integration von Sensoren können wir Echtzeitinformationen aus den Maschinen gewinnen. Mit Hilfe der Software werden diese Daten umgewandelt, auf einer benutzerfreundlichen Oberfläche dargestellt und für Echtzeitüberwachung und Statistiken genutzt. Eine weitere Lösung ist TIMS (Tongtai Intelligent Monitoring-System). Damit bemerkt der Werker frühzeitig, sobald Probleme auftauchen und etwa Maschinenstillstand droht. So lässt sich die Effizienz in der gesamten Fertigung steigern und Wartungen werden besser planbar.

    Wo sehen Sie Herausforderungen für die Branche?

    Teilweise ist es nicht ganz einfach in Asien. Alle wollen intelligente Maschinen, aber nur wenige sind bereit, dafür zu zahlen. Zur Vernetzung brauchen wir aber Software und Hardware. Das kostet Geld. Kunden akzeptieren das nicht immer. Ein weiteres Problem ist, dass Kunden gegenüber dem Sammeln von Daten skeptisch sind und Angst davor haben, dass sie dafür aufkommen müssen, wenn sie zum Beispiel Crashs fahren. Aber diese Bedenken wollen wir aus dem Weg räumen: Denn im Endeffekt ist es eine Win-Win-Situation. Der Kunde will schließlich wissen, was passiert. Also müssen wir Sensoren zur Datenerfassung integrieren. Letztendlich können wir damit Crashs vermeiden und die Effizienz der Maschine steigern. Aber wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen.

    Woher kommen Ihre Kunden?

    Unser Hauptabsatzmarkt ist die Automobilindustrie, die derzeit allerdings schwächelt. Aber auch die Luftfahrtindustrie und die Elektronikbranche gehört zu unseren Kunden.

    Und regional?

    Der größte Anteil unserer Kunden sitzt in Asien, und dort vor allem China. China ist als Markt derzeit gar nicht gut. Immer noch gut gelaufen sind dieses Jahr Malaysia, Indonesien und Vietnam. Etwa ein Viertel unserer Kunden sitzt in Europa.

    Wie viele Maschinen produzieren Sie im Jahr?

    Bis zu 2.500 Maschinen. Dieses Jahr hat Tongtai rund 1.200 Maschinen gefertigt. In der Gruppe waren es etwa 2.000 Maschinen.

    Wodurch hebt sich Tongtai vom Wettbewerb ab?

    Drei bis fünf Prozent unseres Etats stecken wir in Forschung und Entwicklung. Wir haben mehr als 200 Ingenieure für F&E. Das entspricht 25 Prozent unserer Mitarbeiter. Außerdem haben wir sehr viel Erfahrung mit Turnkey-Lösungen. Unser Ziel war es schon immer, Komplettlösungen anzubieten. Deshalb sind wir als Zulieferer für die Automobilindustrie die erste Wahl. Unsere Produkte werden etwa bei BMW, Volkswagen, Toyota oder Fiat eingesetzt.

  • Brad Wang, General Manager von CHMER

    »Der nächste Schritt ist, dass sich die Maschine selbst optimiert.«

    CHMER wurde 1975 gegründet. Das Unternehmen entwickelt und fertigt Erodiermaschinen, Erodierwerkzeuge sowie EDM-spezifische Software. Mit 360 Mitarbeitern ist CHMER der größte Hersteller von Erodiermaschinen in Taiwan. Das Unternehmen produziert zu 100 Prozent in Taiwan und hat eine Fertigungstiefe von 90 Prozent. Pro Jahr verkauft CHMER rund 900 Maschinen an die Luftfahrt, den Automobilbau, die Energietechnik und die Elektronikindustrie. Im Interview verrät Brad Wang, General Manager von CHMER, mehr über sein EMO-Highlight.

    Herr Wang, was war Ihr Highlight auf der EMO?

    Wir haben auf der EMO vier Maschinen gezeigt, aber unser Highlight war die ›RV743‹. Diese Maschine haben wir vor zwei Jahren in Taiwan auf den Markt gebracht. Dafür haben wir auch den Taiwan Excellence Golden Award gewonnen. Auf der EMO präsentierten wir sie erstmals dem europäischen Markt.

    Was sind die Besonderheiten?

    Die Maschine ist zugleich leistungsstark und ergonomisch gebaut. Besonders stolz sind wir auf das Design – anders als die meisten Systeme aus Taiwan hat die RV743 einen sehr modernen Look. Wir haben viel Energie in die Optik gesteckt. Außerdem weist die Baureihe im Vergleich zur Vorgängergeneration einige Verbesserungen auf: Die Schnittgeschwindigkeit konnten wir um 15 Prozent erhöhen und den Energieverbrauch konnten wir um 20 Prozent senken. Zudem hält der Draht länger, was sich positiv auf die Bearbeitungsstabilität und die Genauigkeit auswirkt.

    Ist die Maschine bereit für Industrie 4.0?

    Ja, wir haben viele smarte Funktionen eingebaut, etwa die ›Intelligent Working Aid‹ (IWA). Hierbei erkennt ein Sensor den Wasserstand. Ist dieser zu niedrig, wird automatisch Wasser nachgefüllt. So werden mehrere Daten rund um die Uhr gemessen und Werte überprüft.

    Kann sie auch in eine vernetzte Umgebung eingebunden werden?

    Sicher. Die Maschine ist in eine Cloud angebunden. So bekommen wir Echtzeit-Daten aus der Maschine. Mit dem ›i-Connected‹-System können die Daten auch von einem mobilen Endgerät aus jederzeit in Echtzeit abgerufen werden.

    Zieht die Maschine auch Schlüsse aus den gemessenen Daten und passt Parameter gegebenenfalls an? Also optimiert sie sich selbst?

    So weit sind wir noch nicht, aber das ist der nächste Schritt. Aus den Daten, die wir messen, können wir Trends ableiten und beobachten, ob alles normal läuft. So lassen sich ungeplante Stillstände vermeiden oder planbar machen. Wenn wir wissen, wann die Maschine herunterfährt, können wir uns auch darauf vorbereiten.

    Wie sind die Aussichten für nächstes Jahr?

    Aktuell ist die Marktsituation beunruhigend. Unser Geschäft ist um 15 Prozent rückläufig. In den meisten asiatischen Ländern geht der Bedarf zurück – allen voran China, für uns der größte Absatzmarkt. Aber auch andere Länder wie Indien schwächeln. Darunter leiden wir sehr. Wir rechnen damit, dass der Umsatz und die Verkaufszahlen nächstes Jahr stark einbrechen werden.

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