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maschine+werkzeug 10/2016

"Apps? Geld verdienen oder verlieren wird auch künftig an der Schneide stattfinden."

Markt

Interview - Die Paul Horn GmbH wächst rasant weiter. Seinen 60. Geburtstag feiert Firmenchef Lothar Horn in einem imposanten Neubau. Als ausgesprochener Kenner der Branche hat er auch im Verband viel bewegt.

Herr Horn, Sie sind seit 2009 Vorsitzender des Fachverbands Präzisionswerkzeuge im VDMA. Wie wichtig ist Ihnen die Verbandsarbeit? Wir reklamieren in Deutschland, dass Politik, Verbände und sonstige Organisation nichts, zu wenig oder das Falsche tun. Die wenigsten nutzen aber die Möglichkeit, selber aktiv zu werden. Als Vorsitzender des Themenbereichs Präzisionswerkzeuge des VDMA, der ja einer der führenden Industrieverbände ist, habe ich mehr Möglichkeiten, die Branche und auch die Industrie mitzugestalten, als wenn ich mich zurücklehne.

Welche Schwerpunkte konnten Sie persönlich setzen?

Der Verband hat während meiner Zeit sehr viele Sachen bewegt. Aktivitäten gab es in den Bereichen Rohstoffe, wiederverwendbare Materialien oder Blue Competence. Das wurde nicht nur in die Wege geleitet, sondern auch umgesetzt. Ins Leben gerufen habe ich einen Arbeitskreis zum Austausch mit Betriebsräten. Es ist wichtig, gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Besonders am Herzen liegen mir Nachwuchsstiftungen für die Zukunft des Maschinenbaus. Hier senden wir deutliche Signale, dass Industrie und Technik zukunftsträchtige Bereiche für unsere Kinder und Kindeskinder sind.

Sind die Unternehmen enger zusammengerückt? Wird heute mehr kommuniziert als früher?

Ich denke ja. Die klassische Abschottung von früher ist einem Austausch gewichen. Das hängt auch mit den Problemstellungen der vergangenen Jahre zusammen. Die Rohstoffentwicklung und generell Versorgungsmöglichkeiten waren für alle Unternehmen übergreifende Themen. Das hat eine größere Akzeptanz für Diskussionen geschaffen. Das kindische ›mein Schäufelchen, dein Schäufelchen‹ gibt es nicht mehr. Man spricht heute ganz locker über viele verschiedene Dinge.

Welche Themen treiben die Branche gerade um?

Es werden viele Hypes kreiert, die es den Unternehmen nicht immer leicht machen zu entscheiden, was wirklich reale langfristige Trends sind. Wir haben da klassische Themen wie die Suche nach neuen Schneidstoffen, Geometrien, Beschichtungen und effizienter Kühlung. Immer wieder stellen uns neue Werkstoffe vor Herausforderungen. In Richtung Industrie 4.0 geht es darum, Vorarbeiten für intelligentere Werkzeuge zu leisten, wodurch beispielsweise Verschleiß besser erkannt wird.

Stichwort Industrie 4.0: Wie lange wird das Geld noch an der Schneide beziehungsweise mit der Schneide verdient werden?

Die Aussage von Georg Schlesinger hat seit über 100 Jahren Bestand. Warum sollte sich etwas ändern, das seit so langer Zeit gut war?

Vielleicht weil es heute Software und Apps gibt…

Apps? Der elementare Punkt am Ende der Kette bleibt das Werkzeug. Geld verdienen oder Geld verlieren wird auch künftig an der Schneide stattfinden. Die Frage ist eher, wie sich die Zerspanungswelt in den nächsten Jahren verändert. Ein brennende Frage ist: Welche Antriebstechnik kommt morgen? Wie sieht der Motor künftig aus? Für die reine E-Mobilität sind noch viele Fragen offen, die geklärt sein sollten, bevor man einen absoluten Hype auf so etwas setzt.

Politiker wollen bis 2030 das Ende des Verbrennungsmotors. Was halten Sie davon?

Ich denke, die Industrie selber hat über Jahrhunderte beweisen, dass sie selbständig für einen Wandel der Technik zur Verfügung steht und selber bestimmen kann. Manchmal ist dafür der richtige Zeitpunkt gegeben, manchmal ist es zu früh. Technologische Entwicklungen sollten den zeitlichen Ablauf bestimmen.

Auch der Verbrennungsmotor ist ja längst noch nicht ausgereizt ...

Bei weitem nicht! Auch der Diesel ist lange noch nicht am Ende. Gerade im Hybridantrieb sieht man einen relativ geringen Energieverbrauch des Verbrennungsmotors. Das kann man vorantreiben, ohne sich bereits heute von etwas anderem zu verabschieden. Technologien, die noch nicht reif sind und deren Ende noch offen ist, verschlingen einfach zu viel Ingenieursleistung.

Wird künftig weniger zerspant werden?

Bleiben wir doch einfach mal beim Automobil. Dieses Jahr werden etwa 80 Millionen Fahrzeuge gefertigt, bis 2020 sollen die 100 Millionen erreicht werden. Wenn bis 2030 etwa 20 Prozent der Fahrzeuge weltweit E-Autos sind, würde das bedeuten, dass wir auch dann noch einen Zuwachs an Verbrennungsmotoren haben. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Fahrzeuge ab 2020 in Hybridtechnik zur Verfügung stehen wird. Der Anteil der Zerspanung ist dabei höher als heute im klassischen Verbrennungsbereich.

Für 2016 hatte der Fachverband einen Zuwachs um vier Prozent vorausgesagt…

Ja, allerdings mit unterschiedlichen Erwartungen in den drei Teilbereichen. Der Werkzeugbau liegt deutlich im Plus. Die Spannzeuge verzeichnen ebenfalls einen Zuwachs. Bei den Zerspanungswerkzeugen kommen wir auf ein leichtes Minus. Wir beobachten keine kontinuierliche Entwicklung mehr, sondern haben Sprünge, wie wir sie bisher nicht gewohnt waren. Da schafft eine gewisse Unsicherheit oder besser gesagt Unbestimmtheit.

Wie entwickeln sich die internationalen Märkte?

Präzisionswerkzeuge aus Deutschland sind ein Exportschlager. Trotz der mittelständischen Struktur sind wir fast alle weltweit unterwegs. USA und China sind für uns nach wie vor wichtige Exportländer. In China verzeichnen wir momentan einen leichten Rückgang, das USA-Geschäft wächst aber weiter. Nach Aufhebung des Embargos besteht auch starkes Interesse am Iran.

Ist Iran tatsächlich so ein großer Markt?

Ehrlich gesagt glaube ist das nicht. Aber momentan ist es halt ein Hype. Ein gewisser Bedarf und damit ein interessanter zusätzlicher Markt ist aber auf jeden Fall vorhanden.

Könnten sich die Beziehungen zu den USA durch die Wahl von Trump verändern?

Wir hatten schon des Öfteren entscheidende Wahlen in anderen Ländern. Regelmäßig reagierte die Wirtschaft erst verhalten. Der imaginäre Knoten hat sich dann aber jeweils schnell gelöst. Ich denke, dass auch nach dieser US-Wahl alles in normalen, geordneten Bahnen weiterlaufen wird.

Sie hatten angekündigt, Ihr eigenes Unternehmen breiter aufstellen zu wollen. Wie weit sind Sie auf diesem Weg vorangekommen?

Wir sind mittendrin, was in verschiedenen Bereichen auch zu sehen ist. Wir wurden da von unseren Kunden gefordert und mussten Neues anbieten. Dazu gehören das Tangentialfräsen und Reiben aber auch Themenbereiche wie CVD-Diamant, monokristalliner Diamant und schließlich auch unsere Kooperation mit Boehlerit. In diesem Bereich sind wir zu einem Komplettanbieter geworden. Außer dem Bohren können wir heute praktisch alles abdecken.

Ist es wichtig für Horn, die Nische zu verlassen und Komplettanbieter zu werden?

Wir verlassen die Nische nicht! Wir sind und bleiben in der Hochtechnologie-Nische. Wir haben lediglich auf Wunsch unserer Kunden – die mit unseren seitherigen Leistungen sehr zufrieden waren – weitere Angebote hinzugenommen. Das sind durchweg anspruchsvolle Anwendungen. Über die Kooperation mit Boehlerit können wir sicherlich ein großes Spektrum abdecken. Damit verlassen wir unsere Nische aber nicht, sondern ergänzen sie.

Wie sind die Erwartungen für das kommende Jahr?

Für die Branche erwarte ich einen Zuwachs ähnlich wie 2016. Es gibt sicherlich genügend Problemfelder auf dieser Welt. Stabil sind im Wesentlichen USA und Europa. Trotzdem blicke ich zuversichtlich auf 2017. Andererseits muss ich natürlich für 2017 von einer richtigen Krise ausgehen. Bisher kam nämlich immer eine Krise, wenn wir gerade gebaut haben, das war in der Vergangenheit schon zweimal der Fall. Wir sind aber immer für alles gerüstet, wenn wir bauen.

Ihr 60. Geburtstag, Herr Horn, wird am 9. Dezember im Neubau gefeiert. Was sind dessen Kenndaten?

Wir haben sogar zwei neue Gebäude. Die neue Produktion umfasst 20.000 Quadratmetern, davon 12.000 Quadratmeter Produktionsfläche. Wir haben hier auch viel in den Bereich Logistik investiert und erhöhen damit Effizienz und Durchsatz. Das Beschichtungszentrum ist ebenfalls in diesem neuen Produktionsgebäude.

Sie setzen also ihre bekannte Strategie fort, alle acht Jahre zu verdoppeln?

Ja, das ist einfacher zu rechnen. Als wir 1991 hierher zogen, hatten wir knapp 3.000 Quadratmeter, 1999 haben wir dann auf 6.000 Quadratmeter verdoppelt, 2008 gingen wir dann auf 12.000 Quadratmeter und nun kommen nochmal 12.000 Quadratmeter hinzu. Bei jedem Neubau dachten wir, das reicht jetzt für die Ewigkeit. Aber bei uns dauert die Ewigkeit offenbar nur acht Jahre lang.

Damit könnten sie nun auch gleich für 2024 planen. Wo soll dann der große Neubau hinkommen?

Neben dran (lacht). Es ist zwar noch nicht ganz sicher, aber wir sind gerade dabei, das Grundstück zu kaufen. Damit hätten wir dann eine durchgehende Achse bis zu unserem Hartstoffwerk, in dessen Räumen alles begann. Firmenchef werde ich dann aber nicht mehr sein.

www.phorn.de

Vita

Lothar Horn wurde am 9. Dezember 1956 in Waiblingen geboren. 1991 trat er in das elterliche Unternehmen in Tübingen ein, zunächst im Vertrieb Inland, von 1993 bis 1999 zusätzlich technischer Leiter und Produktionsleiter. Seit 1995 ist er Geschäftsführer der Hartmetall-Werkzeugfabrik Paul Horn GmbH, seit September 2009 zusätzlich Vorsitzender des Fachverbands Präzisionswerkzeuge im VDMA.

  • Bild 1: Interview mit Lothar Horn

    Bild 1: Interview mit Lothar Horn

  • »Für die reine E-Mobilität sind noch viele Fragen offen, die geklärt sein sollten, bevor man einen absoluten Hype auf so etwas setzt.« Lothar Horn, Geschäftsführer der Hartmetall-Werkzeugfabrik Paul Horn GmbH

    »Für die reine E-Mobilität sind noch viele Fragen offen, die geklärt sein sollten, bevor man einen absoluten Hype auf so etwas setzt.« Lothar Horn, Geschäftsführer der Hartmetall-Werkzeugfabrik Paul Horn GmbH

  • Bild 3: Interview mit Lothar Horn

    Bild 3: Interview mit Lothar Horn

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Unternehmensinformation

Paul Horn GmbH Hartmetall Werkzeugfabrik

Unter dem Holz 33-35
DE 72072 Tübingen
Tel.: 07071-7004-0
Fax: -72893

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