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maschine+werkzeug 01/2019

Aus die Maus

Editorial

Manfred Flohr, Chefredakteur. Bild: maschine+werkzeug

Manfred Flohr, Chefredakteur. Bild: maschine+werkzeug

Hochtechnologiestandort Deutschland? Es war einmal. Heute verstärkt sich von Jahr zu Jahr der Eindruck, technologisch abgehängt zu werden. Der Blick muss sich dabei noch nicht einmal auf neue Technologien richten. Marode Infrastruktur allenthalben lässt erkennen, dass es dem Land offenbar nicht mehr möglich ist, das Erreichte auch nur instand zu halten. Reparatur und Ausbau von Straßen und Brücken hinken hinterher. Bahnfahren ist zum Glücksspiel geworden. Und die Baustelle des Berliner Flughafens ist Sinnbild für nicht mehr realisierbare Großprojekte hierzulande geworden.

Die Arbeit an der Zukunft lässt erst recht Effizienz vermissen. Auf den Datenautobahnen geht es nicht voran. Über Digitalisierung etwa wird viel geredet, für die dafür notwendigen Voraussetzungen aber sehr wenig getan. Beim Breitbandausbau liegt Deutschland im internationalen Vergleich weit hinten. Von einer flächendeckenden Versorgung mit Gigabit-Netzen über Glasfaser sind wir weit entfernt, gerade mal zwei Prozent beträgt der Anteil. Zum Vergleich: In Japan und Südkorea sind es 75 Prozent. Industrie 4.0? So wohl eher nicht. Für Industriebetriebe ist das Gift.

»Der Spagat zwischen Heimcomputer und Entertainment auf der einen sowie Industrie 4.0 und Big Data auf der anderen Seite war am Schluss nicht mehr zu schaffen.«

Beim Mobilfunk sieht es nicht besser aus. Während das LTE-Netz in Europa insgesamt immer besser wird, krebsen wir hier weit hinten. Mit einer LTE-Geschwindigkeit von 16,9 Mbps rangiert Deutschland in Europa auf Rang 34 von 36. Zu unserem niedrigen Durchschnittswert trägt auch bei, dass viele Regionen überhaupt kein schnelles Internet haben. Mit 5G steht die nächste Mobilfunkgeneration bereits in den Startlöchern. Theoretisch könnte damit aufgeholt werden. Bislang wird aber – wieder mal – nur herumgeeiert.

In dieses Bild passt scheinbar das Aus der Computermesse Cebit. Vom 24. Juni 2019 an hätte sie wieder in Hannover stattfinden sollen, doch dazu kommt es nicht mehr: Die Messe wurde eingestellt. 33 Jahre lang zeigte sie uns die Entwicklung des Digitalen und öffnete ein ums andere Mal den Blick in eine Welt der Zukunft. Doch in ihr Ende nun eine gewisse Technologiemüdigkeit hierzulande hineinzuinterpretieren, wäre falsch. Es ist die konsequente Antwort auf das auseinanderdriftende Themenfeld. Die Cebit war 1986 aus der Hannover Messe heraus entstanden, als die IT-Branche zu ihrem Höhenflug ansetzte. Alles, was mit Computern zu tun hatte, fand auf der neuen Messe eine Heimat. Das bescherte den Veranstaltern Boom-Jahre, barg aber auch den Keim für den späteren Niedergang. Der Spagat zwischen Heimcomputer und Entertainment auf der einen sowie Industrie 4.0 und Big Data auf der anderen Seite war am Schluss nicht mehr zu schaffen. Der spaßbefreite Teil der Informationstechnologie kehrt nun dahin zurück, wo er herkam: ins industrielle Umfeld. Für die Industriemesse in Hannover ist das sicher ein Gewinn – und für Deutschland vielleicht eine Chance.

Manfred Flohr
Chefredakteur
manfred.flohr <AT> verlag-henrich.de

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