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maschine+werkzeug 04/2009

Das unbekannte Wesen

Unter der Lupe: Der Zulieferer des Werkzeug- und Formenbaus

Der Werkzeug- und Formenbau (W+F) zählt zu den Hightech-Nischenbranchen Deutschlands, ohne die nichts läuft, die aber viele nicht kennen. Wie sieht es da mit den Zulieferern aus, was zeichnet sie aus?

Sehr gute Noten gibt Willi Schmid, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Werkzeug- und Formenbauer e.V. (VDWF), den Zulieferern der Branche. Das Urteil des Verbandschefs und Inhaber der Schenk & Schmid Werkzeugbau GmbH in Schwendi: »Der Markt bietet uns im Prinzip alles, was wir brauchen. Keiner aus unserer Branche kann sich beklagen, dass die Lieferfähigkeit, Technik und Qualität nicht stimmen.« Lücken sieht der altgediente Werkzeug- und Formenbauer dagegen in der Software. So falle es seiner Ansicht nach den großen EDV-Häuser teilweise sehr schwer, für den W+F passende Programme zu entwickeln. »Wir Werkzeug- und Formenbauer sind halt eine kleine Spitzenelite, für die sich dieser Markt nicht so interessiert«, meint Schmid.

Aber gibt es denn keinerlei maßgeschneiderten EDV-Lösungen für seine Branche? Ganz so schlimm ist es nicht, denn viele W+F-Unternehmen haben aus der Not heraus in eigener Regie Software entwickelt, die sie dann nach erfolgreichem Einsatz im eigenen Betrieb später an andere verkaufen. maschine+werkzeug startete seine Entdeckungsreise zum W+F-Zulieferer direkt in der Nachbarschaft. Nur wenige Meter vom Verlagshaus entfernt sitzt in Gilching die Fauser AG, die sich auf W+F-Software spezialisiert hat. Marketingleiter Dr. Joachim Berlak: »Im Werkzeug- und Formenbau arbeitet die ›crème de la crème‹ der Ingenieure. Dieser Branche macht in Sachen Qualität keiner etwas vor.« Allerdings habe sich der W+F zu einer Dienstleistungsbranche gewandelt, der außer der geforderten Qualität hohe Termintreue, schnelle Durchlaufzeiten und Reaktionszeiten bieten müsse.

Was verlangt der W+F aber von einem Softwarehersteller? »Diese sehr schlank organisierten Unternehmen erwarten einfach zu bedienende EDV-Lösungen, die sich schnell einführen lassen«, sagt Dr. Berlak. Die Probleme der Branche: Die Stücklisten wachsen, die Dynamik nimmt zu. Es herrsche also eine enorme Turbulenz, die ein EDV-Lieferant beherrschen müsse. Die Fauser AG startete bereits im Jahr 1994 mit der Entwicklung von ›JobDispo‹, einem modular aufgebauten Software-System für den Maschinenbau. Mittlerweile erwirtschaftet das Unternehmen etwa jeden fünften Euro mit dem Programm-System für die W+F-Branche, von der rund 180 Betriebe JobDispo einsetzen. Es handelt sich um eine sogenannte Software-Suite, die aus Bausteinen für die Auftragsabwicklung, Fertigungsfeinplanung in Echtzeit, Maschinendaten-Erfassung und zur Software-Integration mit Fremdsystemen besteht.

»Wir stellen einfach zu bedienende Software für schlanke Fertiger her«, meint der Marketingexperte. »Wir lehnen aber Kunden ab, die mit Software ihre Organisation disziplinieren wollen.« Fauser liefert dagegen ein EDV-Werkzeug, das den Anwender im Entscheidungsprozess unterstützt, denn »der davor sitzende Mensch weiß ja, was er macht«. Als wesentliches Plus des Unternehmens sieht Dr. Berlak an, dass Unternehmensgründer Michael Fauser gelernter Schlosser sei und dass folgerichtig das Gros der Mitarbeiter aus dem Maschinenbau stamme. Überlebenstipp des studierten Maschinenbauers Berlak: »Die Branche sollte von Apple lernen. Als sich das Unternehmen tief in der Krise befand, nutzte es die plötzlich zur Verfügung stehende Zeit für Innovationen. So entstanden iPod und Co.!« Die Zeit für Innovation haben die Bayern genutzt und dafür vor drei Jahren sogar einen ›Oskar der besonderen Art‹ kassiert. Die Rede ist vom ›Großen Preis des Mittelstandes‹ der Oskar-Patzelt-Stiftung, den Fauser im Jahr 2006 als bayerischer Vertreter gewonnen hat.

Zu den aktuellen fünf Finalisten Baden-Württembergs des ›Großen Preis des Mittelstands‹ zählt der Spannmittelhersteller Hainbuch GmbH aus Marbach. Geschäftsführer Gerhard Rall: »Hainbuch ist während der letzten Jahrzehnte oft gegen den Strom geschwommen und hat die ausgetretenen Pfade verlassen.« Welche ausgetretenen Pfade verlässt das Unternehmen im Werkzeug- und Formenbau? Dort stellen Anwender an die Spannsysteme unterschiedlichste Forderungen: hohe Spannkraft und formstabile Spannung, ausgleichende Spannung für leicht schwankende Konturen sowie feinfühliges Spannen im Fall dünnwandiger Teile wie etwa einer Cola-Dose.

Hainbuch arbeitet im Gegensatz zu anderen Herstellern nach eigenen Angaben mit umfassender Spannung, die die Bauteile nicht mehr wie beim sonst üblichen punktuellen Spannen mit einem Dreibackenfutter verformt. Die Schwaben haben ihr früheres, patentiertes System noch weiter entwickelt: Die Spannköpfe erhielten eine pyramidenförmige Außenkontur, die sich positiv auf den Spannprozess auswirkt: Trotz gleichem Druck kommt mehr Spannkraft am Werkstück an, da sich die Spannköpfe durch die späne- und wasserdichte Anlage abschmieren lassen und sie somit eine bessere Kraftumsetzung erhalten. Hainbuch hat außerdem ein stationäres Spannmittel-Baukasten-System entwickelt, das sich sowohl hydraulisch als auch mechanisch betätigen lässt.

Die hydraulischen Zylinder der Römheld GmbH Friedrichshütte in Laubach setzt die W+F-Branche zum Betätigen von Schiebern sowie Schieberelementen und zum Stanzentgraten ein. Geschäftsführer Hans-Joachim Molka: »Unsere Idee besteht im Prinzip darin, dem Anwender ein weitestgehend fertiges Bauteil zu liefern, dass er im Prinzip nur noch mit einem Schneidwerkzeug auf der Aufnahmeplatte versehen muss.«

Was zeichnet aber gute Zylinder für das Stanzen aus? Dazu ein Blick auf das Verfahren: Beim Stanzen bauen sich im System sehr hohe Druckspitzen auf, die die Hydraulikzylinder sehr stark mechanisch belasten. In konventionellen Zylindern kann es dann zur vorzeitigen Rissbildung kommen. »Wir setzen eine spezielle Bronzelegierung ein, die trotz der hohen Druckspitzen für hohe Standzeiten sorgt«, erklärt der Diplomingenieur.

Zu den Pionieren der hydraulischen Spanntechnik gehört die Schunk GmbH & Co. KG aus Lauffen/Neckar, die vor zehn Jahren die Tribos-Polygonspanntechnik erfand. Die Lauffener haben für Werkzeug- und Formenbauer, die oft den tiefsten Winkel im Werkstück präzise bearbeiten müssen, eine lange, schlanke hydraulische Dehnspannverlängerung entwickelt, die unabhängig von der Spindelschnittstelle beinahe jeden Präzisionswerkzeughalter in einen flexiblen Spezialisten für enge Räume verwandelt. Das hohe Drehmoment der ölgespannten Verlängerung sorgt beim Bohren, Reiben sowie in Schlichtfräsoperationen für einen sicheren Halt der Werkzeuge.

Aber nicht nur die Hydraulik, auch die Pneumatik spielt im Werkzeugbau eine wichtige Rolle. Die Fibro GmbH aus Haßmersheim setzt beispielsweise auf pneumatische Antriebe der besonderen Art, die im Werkzeug- und Formenbau die Schraubendruckfedern in den letzten Jahren laut Unternehmensaussage immer mehr verdrängt haben. Die Funktionsweise: Eine Kolbenstange taucht in den Bauraum – einem in sich geschlossenen, mit Stickstoff gefüllten Behälter – ein und komprimiert das Gas. Das Gas dehnt sich unter diesem Druck aus und drückt die Kolbenstange wieder mit einer definierten Kraft heraus. Das Unternehmen setzt seit 1996 Standards, denn in diesem Jahr wurde die Fibro-Gasdruckfedertechnik zum deutschen und internationalen DIN-ISO-Standard erklärt. Ihr wesentlicher Vorteil laut Fibro: Es lassen sich große Federdrücke und -wege auf kleinstem Raum erzeugen, die mit konventionellen Federn nicht möglich sind.

»Gegenüber einem mechanischen Klinkenzug ergibt sich eine Kosteneinsparung von 60 bis 70 Prozent«, rechnet Andreas Eggensperger, Leiter der kaufmännischen Auftragsbearbeitung, vor. Woher rührt die Kostenersparnis? Verschiedene Befestigungsmöglichkeiten sorgen für einen einfachen Einbau. Außerdem entfällt die seitliche Bearbeitung der Werkzeuge, die sonst zum Befestigen von Klinkenzügen an der Form nötig ist.

Gasdruckfedern lassen sich für Hubbewegungen verwenden, die bis jetzt noch Schrägzugsäulen, Schraubendruckfedern oder Klinkenzüge übernehmen. Gasdruckfedern eignen sich laut Fibro, wenn beispielsweise direkt mit der Werkzeugöffnung in der Trennebene eine weitere Zwischenplatte oder ein Schieber bewegt werden soll. Vorteile laut Fibro: Druckabfrage und einfache Krafteinstellung.

Spezielle Stähle für den Werkzeug- und Formenbau produziert die Eschmann Stahl GmbH & Co. KG aus Gummersbach. Die Experten aus der Handball-Hochburg bieten alles aus einer Hand. Dazu zählt vor allem die Wärmebehandlung, die Kunden bisher – nicht immer zur Zufriedenheit – an externe Härtereien delegierten. Vor allem die Zeitverzögerung schien die Stahlabnehmer aus der W+F-Branche zu stören. Anfang des Jahres 2009 startete Eschmann Stahl in Reichshof-Wehnrath seine eigene Härterei. Im Mittelpunkt steht eine Vakuum-Kammerofenanlage, die ein Härten von Chargen bis zu einem Gewicht von 1,5 Tonnen mit maximal 1350 Grad Celsius sowie einem Kühlgasdruck von bis zu 13 bar erlaubt. Was bringt die neue Hightech-Härterei? Dazu Verkaufsleiter Markus Krepschik: »Unsere eigene Wärmebehandlung kann die Bearbeitungszeit einer Form um bis zu zwei Wochen verkürzen.«

Die W+F-Branche ist in der Regel mittelständisch organisiert und muss daher oft mangels personeller Masse Dienstleistungen von außen beziehen. Speziell für derartige Unternehmen hat die Renishaw GmbH aus Pliezhausen ihr Dienstleistungsangebot für Koordinatenmesstechnik entwickelt. Renishaw will nun durch die Übernahme der Qualis Service GmbH diesen Service erweitern. Dipl.-Betriebsw. Annette Kärcher, Leiterin Marketing: »Qualis ist spezialisiert auf Wartung, Instandsetzung, Inbetriebnahme und Umzüge von Koordinatenmessmaschinen. Die Dienstleistung umfasst nicht zuletzt die Nachrüstung und das Retrofitting.«

  • Innen liegende Gasdruckfedern: Die Klinkenzug-Alternative von Fibro eignet sich beispielsweise zum direkten Bewegen eines Schiebers in der Trennebene, während das Werkzeug sich öffnet.

    Innen liegende Gasdruckfedern: Die Klinkenzug-Alternative von Fibro eignet sich beispielsweise zum direkten Bewegen eines Schiebers in der Trennebene, während das Werkzeug sich öffnet.

  • »Wir stellen eine einfach zu bedienende ERP-Software her.« Dr. Joachim Berlak, Marketingleiter, Fauser AG

    »Wir stellen eine einfach zu bedienende ERP-Software her.« Dr. Joachim Berlak, Marketingleiter, Fauser AG

  • Ralph Muhm (l.) und Andreas Eggensperger von Fibro erklären, ...

    Ralph Muhm (l.) und Andreas Eggensperger von Fibro erklären, ...

  • ... dass Gasdruckfedern im Vergleich zu einem mechanischen Klinkenzug die Kosten um 60 bis 70 Prozent senken.

    ... dass Gasdruckfedern im Vergleich zu einem mechanischen Klinkenzug die Kosten um 60 bis 70 Prozent senken.

  • Hydraulischer Spannstock: Das System Hydrok von Hainbuch macht besonders auf einer Palette eine gute Figur.

    Hydraulischer Spannstock: Das System Hydrok von Hainbuch macht besonders auf einer Palette eine gute Figur.

  • »Hainbuch ist oft gegen den Strom geschwommen.«Gerhard Rall, Geschäftsführer von Hainbuch

    »Hainbuch ist oft gegen den Strom geschwommen.«Gerhard Rall, Geschäftsführer von Hainbuch

  • »Wir bieten Dienstleistungen rund um die Messmaschinen.« Annette Kärcher, Leiterin Marketing, Renishaw

    »Wir bieten Dienstleistungen rund um die Messmaschinen.« Annette Kärcher, Leiterin Marketing, Renishaw

  • Römheld setzt in seinen Stanzzylindern eine spezielle Bronzelegierung ein, die trotz der hohen Druckspitzen für hohe Standzeiten sorgt.

    Römheld setzt in seinen Stanzzylindern eine spezielle Bronzelegierung ein, die trotz der hohen Druckspitzen für hohe Standzeiten sorgt.

  • Das System ›Hydrok‹ von Hainbuch erzeugt laut Hersteller dank des Niederzugeffektes eine deutlich höhere Haltekraft als herkömmliche Dreibackenfutter.

    Das System ›Hydrok‹ von Hainbuch erzeugt laut Hersteller dank des Niederzugeffektes eine deutlich höhere Haltekraft als herkömmliche Dreibackenfutter.

  • »Wir liefern ein weitestgehend fertiges Bauteil.«Hans-Joachim Molka, Römheld-Geschäftsführer

    »Wir liefern ein weitestgehend fertiges Bauteil.«Hans-Joachim Molka, Römheld-Geschäftsführer

  • »Aus unserer Mitte heraus entstanden Branchenprodukte.«Willi Schmid, VDWF e.V.

    »Aus unserer Mitte heraus entstanden Branchenprodukte.«Willi Schmid, VDWF e.V.

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Unternehmensinformation

EschmannStahl GmbH & Co.KG

Dieringhauser Straße 161-18
DE 51645 Gummersbach
Tel.: 02261-706-0
Fax: -100

Fauser AG Your way. Our solution.

Talhofstraße 30
DE 82205 Gilching
Tel.: 08105-7798-0
Fax: -77

Hainbuch GmbH Spannende Technik

Erdmannhäuser Straße 57
DE 71672 Marbach
Tel.: 07144-907-0
Fax: -100

Renishaw GmbH

Karl-Benz-Straße 12
DE 72124 Pliezhausen
Tel.: 07127-981-0
Fax: -88237

Römheld GmbH Friedrichshütte

Postfach 12 53
DE 35317 Laubach
Tel.: 06405-89-0
Fax: -211

Schunk GmbH & Co. KG Spann- und Greiftechnik

Bahnhofstraße 106-134
DE 74348 Lauffen A.N.
Tel.: 07133-103-0
Fax: -2399

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